Kasseler Neueste Nachrichtm
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Kasseler Abendzeitung
Hessische Abendzeitung
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Dienstag, 4. November 1924.
Nnnnrror 260. Einzelnummer 10 Pf Sonntags 15 Pf
Einzelnummer 10 Pf., Sonntags 15 Pf 14. Jahrgang
Die Stunde her Freiheit für Rhein vnd Ruhr.
Nach der Kölner Zone auch die Ruhr?
Ohne Köln ist die Ruhr unhaltbar — Werden sie den Räumungstermin, lO.Ianuar einhallen? — Die Auffassung in Berlin — Wenn Europa genesen soll.
Sowjet-Gorgen.
Das englische Warnun,sze-che«.
Die Weltrevolution und die Vorherrschaft des Proletariats in allen Staaten ist das Ziel der Sowjets. Ungeheure Summen sind für diesen Zweck schon aufgewendet worden; das Geld spicklt bei diesen Bestrebungen ebenjowenig eine Rolle, wie man Skrupel kennt in der Wahl der Mittel. Merdings ist der Außenminister Tschitscherin in der letzten Zeit wesentlich vtirsichtiger geworden und hm eine andere Taktik eingeschlagen wie bisher: die wilde Pro- pirganda durch einzelne Genossen in den anderen Staaten ist äußerlich wenigstens ausgegeben worden, Tschitscherin hat sich eifrig bemüht, die 'Anerkennung der Sowjets in den übrigen Län- dein zu erreichen und überall eine eVrtrctung einzurichten. Da dieser neben ihren diplomatischen und sonstigen Ausgaben auch der Werbc- Lienst obliegt, hat sich in den Zielen Moskaus tatsächlich nichts geändert, nur die Mittel sind andere geworden und die Propaganda ist, da ihre ousküGrenden Organe als exterritorial gelten muffen, heute weniger gefährdet und vielleicht noch aussichtsreicher als früher.
Nachdem die Republiken im Kaukasus und im Fernen Osten sich den Sowjets angesehloj- sen hatten, kam mit Deutschland der Vertrag von Rapallo zustande. Mit Japan und China wurden Abmachungen getroffen, eifrig wird in Finnland, Schweden und Norwegen für eine nordische Sowiet-Rcpublik geworben Durch die Verpachtung der Donetz- Koblengebiete wurde Italien gewonnen unc die Anerkennung der Sowjets durch Frankreich am 28 —29. Oktober d I. ist ohne Zweifel ein bedeutender Sieg Moskaus gewesen.
Große Schwierigkeiten bot den Sowjets das Uebereinkommen mit England. Die Rechnung Moskaus, daß man mit einer Arbeiter« regierung in London leichtes Spiel haben würde, hat nicht gestimmt. Der englische Ministerpräsident ist einmal am die seit Jahrhunderten festgelegte Außenpolitik des britischen Weltreiches gebunden und kann, gleichgültig, welcher Partei er angehört, von ihr nicht abweichen; sodann verfügte Maodonald mit seiner Partei auch nicht über die absolute Mehrheit, sondern bedurfte der Unterstützung der Liberalen, um die für die Annahme des Vertrages erforderlichen Stimmen de-S Unterhauses zu erlangen Es lag den Sowjets besonders viel daran, gerade in England endlich anerkannt zu werden, denn eine große Anzahl handelspolitischer Fragen war zu lösen, und die Ausbeute mehrerer wichtiger Objekte, die für Moskau sehr ergiebige Geldanelleu eröffneten, mußte geregelt werden. Schließlich war auch bei der Verarmung und der wirtschaftlichen Notlage der meisten übrigen Staaten eine englische Anleihe mehr oder weniger doch eine Lebei-sfrage der Sowjet-Re- publik. Tschitscherin stellte in der Sitzung der Bundescxekutive die Sache zwar so dar, als wenn man nux einer Arbeiterrcgierung zuliebe derartige Zngeständniffe gemacht habe. Zur Anerkennung des Uebereinkommens kam es bei der inzwischen eingetretenen englischen Regierungskrise nicht mehr, die aufgeschobene Bestätigung des Vertrages wurde der Vundesexeku- tive überladen.
Der englischen konservativen Partei war der Vertrag mit Moskau von vornherein ein Dorn im Auge. Tie Bedingungen des englisch-russischen Vertrages, vor allem die Gewährung einer Pnleihe an Moskau, bot ein vorzügliches Werbemittel gegen die bisherige Regierung, vor allem war er ein Mittel gegen die in England herrschende Wahlmiidigkeit, und sicherlich hätten mehr Wähler, als sonst zu erwarten waren, ihver Pflicht genügt. Ob die Stimmen jedoch zu einem Siege der Konservativen ausgereicht hä tten, muß dahingestellt bleiben. Da kam den 1 konservativen in dem Briefe Sinowjew s gerade im richtigen Augenblicke eine Hilfe, wie sie größer und ausschlaggebender nicht fein konnte Es ist jetzt gleichgültig, ob der Bries eine Fälschung war oder nicht; jeder Kenner der bolschewistischen Kampfmetboden mußte an die Nichtigkeit des Schreibens glauben, denn es entspricht so ganz den von Moskau schon ost angetorrnbten Machenschaften, und schon mehr als einmal haben gerade bei den Bolschewisten gejäliVfite Briefe eine besondere Rolle gespielt.
A»vßerst geschickt bediente sich die konservative Partei des ihr unerwartet zugefallenen WablenittelS und errang einen beispiellosen Erfolg: sie zieht so stark in das Parlament ein, wie sie seit über 90 Jahren Nicht gewesen ist. Mit der enolischen Arbeiterpartei hat aber zugleich. auch Moskau eine sehr empfindliche Schlappe erlitten, denn alle Aussichten nunmehr mit London in ein halbwegs erträgliches Einvernehmen zu kommen .sind dcchm: die. Konservativen de'ck-n a<ir nicht daran, die Stwjets ait-uerleunen und mit ihnen einen
Berlin, 3. November.
In den Kreisen der Reichsregierung erwartet man, daß auf der bevorstehenden Konferenz der alliierten Besatzungsmächte, die über die Räumung der Kölner Zone entscheiden soll, auch die Frage der
Abkürzung der Räumungsfristen für das Ruhrgebiet
zur Erörterung gelangen wird. Die Zurückziehung der militärischen Besatzung aus der Kölner Zone würde zum mindesten die Notwendigkeit ergeben» auch weitere Räumungsmatz- nahmen im besetzten Ruhrgebiet vorzunehmen, da im Falle einer Räumung Kölns der Zusammenhang des altbesetzten Gebiets mit dem okkupierten Ruhrrevier völlig gebrochen und damit die Voraussetzung für eine weitere Besetzthal tung des Ruhrgebiets wesentlich erschwert werde.
Verfrühte Hoffnungen am Otßetu.
Berlin, 3. November. (Privattelegramm.) Wie unser Berliner Mitarbeiter von maßgebender Regierungsstelle erfährt, beabsichtigt die Reichsregierung nicht, vor der Besatzungskonferenz irgendwelche neuen Schritte in der Angelegenheit der Räumung des Ruhrgebiets zu un- ternehmen. Sie hofft, daß auf dieser B»- satzungskonferenz ganz von selbst eine Regelung der Ruhrräumung in Erwägung gezogen werden muß, da mit der Räumung der Kölner Zone der ganze Fragenkomplex der vollständigen Räumung des Ruhrgebiets aufgerollt werden müßte. Einer Kölner Zeitung zufolge sollen die belgischen Truppen
bereits am 10. Januar aus dem besetzten Gebiet zurückgezogen
werden (?) Diese Meldung, die in Berlin großes Aufsehen hervorgerufen hat, wird an amtlicher Berliner Stelle als ziemlich v e rf r ü h t und wenig wahrscheinlich angesehen. Bekanntlich hat die französische Regierung bereits auf der Londoner Konferenz England den Vorschlag eingeht und die im Versailler Vertrag Zone bis zur Räumung des Ruhrgebiets zu verlängern. Es fragt sich daher, ob die neue englische Regierung auf diesen französischen Vorschlag cingeht und die im Versaiger Vertrag vorgesehene Näumungssrist vom 10. Januar 1925 überschreitet. In Berlin hat man zunächst teilte Veranlassung, anzunehmen, daß England zu einer solchen Maßnahme greifen wird, die in Deutschland zweifellos großes Befremden Hervorrufen würde. Wird am 10. Januar die Kölner Zone geräumt, so ist nach Auffassung der Berliner Reglerungstcllen auch mit
einer baldigen Lösung der Ruhrräumung
zu rechnen. Sobald die interalliierte Besatzungs- konferenz zusammen getreten fein wird, wird die Reichsregierung die betreffenden deuffchen Botschafter beauftragen, entsprechende Schritte zu unternehmen. Es wäre gegenwärtig noch sehr verfrüht, schon jetzt irgendwelche Einzelheiten über den voraussichtlichen Gang der Ent-
Vertrag auf ähnlicher Grundlage wie bisher tu schließen. Im Gegenteil, während der fünf Jahre ihrer Regierung wird die englische konservative Partei die Führung int Kampfe gegen die Sowjets übernehmen und sich darauf recht viel zu Gute tun Der Brief Sinowjews hat aber auch anderen Staaten bereits die Augen geöffnet, in Italien zum Beispiel scheint der Gedanke aufzutauchen, daß man mit der Pachtung im Donetzgebiet doch etwas voreilig gewesen ist. England wird sich geschickt diese Stimmung zunutze machen und aus seiner Gegnerschaft gegen Moskau sicherlich wesentliche Vorteile ziehen In Moskau aber wird tie Freude über den französischen Erfolg wesentlich herabgemindert sein.
Die nationale Faust.
Neuer Wind in Englands Segeln.
(Eigener Trobibm dy ,
London, 3. November.
Ein Londoner Blatt schreibt, daß nichts für den Ausgang der englifchen Wahlen bezeichnender sei, als das starke Interesse des Auslandes und das befreiende Gefühl der Dominions über das Anshören der sozialistischen Regierung. Es sei kein Grund tzotHänden, warum eine englische konservative Regierung mit einer französischen liberalen Regierung, odc- einem deutschen Linksblock nicht harmonieren könne. Nur die wenigsten ausländischen Beurteiler
scheidungen vorauszusagen. In Berlin ist man keinswegs geneigt, die Lage allzu optimistisch
zu beurteilen, da man wesentliche Schwierigkeiten voraussteht. Trotzdem spricht man die zuversichtliche Erwartung aus, daß die alliierte Besatzungskonserenz in konsequenter Befolgung der bisher eingeleiteten Politik zur allgemeinen politischen Entspannung in Europa eine Lösung des Räumungsproblems finden wird.
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Freie Bahn für den Wahlkampf
Berlin, 3. November.
Wie unser Berliner Informationsdienst mel. bet, kann damit gerechnet werden, daß bei den diesmaligen Reichstaaswahlen in den besetzten Gebieten die Versammlungs° und Pres. sefreiheit von den Besatzungsbehörden in wesentlichstem Umfange wieder hergestellt wird. Da inzwischen eine Reihe von Maßnahmen des Belagerungszustandes bereits aufgehoben worden sind, sind die Voraussetzungen für einen unbehinderten Wahlkampf wesentlich besser geworden als im Mai dieses Jahres. Die deutschen Regierungsstellen werden bei den Besatzungsbehörden eine reibungslose Durchführung des Wahlkampfes durchdrücken.
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Die einen gehen, dir anderen kommen.
Frankfurt a. M., 3. Nov. (Telegr. Meldung.)
Im Direttionsbeziri Mainz werden gegen, wärtig täglich fünfzig französische und belgische Regiebeamte abtransportiert und durch deutsche ersetzt. Durch die Umquartierung der Truppen wird aber ein großer Teil der auf diese Weise sreiwerdenden Wohnungen wieder benutzt, sodaß für die deutschen Eisenbahnbeamten größte Wohnungsnot besteht.
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eie stehlen tote die Stäben.
Mainz, 3. November. (Privattelegramm.) Nach Unterschlagung von 120000 bezw. 22000 Francs sind zwei Regiebeamte des Bahn. Hofes Bischofsheim ins unbesetzte Gebiet ge- slüchtet. Einer der Defraudanten ist bereits im Frankfurter Hauptbahnhof sestgenom - men worden.
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Koks gegen Erze.
Paris, 3. November. (Europapreß.) Ein französischer Korrespondent hat in Unterredungen mit den rheinischen Industriellen, die an den Unterhandlungen zwischen der deutschen u. französischen Schwerindustrie beteiligt sind, erfahren, daß die Unterhandlungen zunächst in. Paris wieder aufgenommen werden. Die dringendste Aufgabe sei gegentoärtig der Zusammenschluß der französischen und der deutschen Schwerindustrie. Die Ruhr habe ein dringendes Bedürfnis nach französischem Erz, die französische Metallindustrie namentlich nach dem wiedereinsetzenden Verkehr mit Rußland nach Ruhrkoks.
würden stck vergewissern, daß eine nationale Regierung notwendiger Weise für eine einheitliche Weltreichspolitik eintrete. Alle derartigen Interessen würden jetzt mehr Berücksichtigung finden als es unter der Regierung Macdonald der Fall gewesen sei, nicht nur in Bezug auf b<c abgeschlossenen Verträge, sondern auch in Bezug auf das Londoner Abkommen und das Genfer Protokoll. Die Sowjetoerträge seien natürlich tot. das Londoner Abkommen ober stehe außer Frage. Einen Haupt- punft bildeten die deutsche nglischen Handelsvertrags - Unterhandlungen. Tie neue englische Regierung werde gleichwehl gegenüber Deutschland, als auch gegenüber den anderen Ländern, den englischen Handel und die englisch- Industrie vor unsauberem Wettbewerb zu schützen wissen.
R»tne Verschiebung nach den <9Fmefn6ftoih'er
Rotterdam, 3. November. (Privattelegramm.) Ter Coilrant meldet aus London: Die englischen Gemeindewahlen haben wesentliche Ver- änderunaen in der Zusammensetzung der Stadtverwaltungen in England nicht gebracht. Ueberrasckend gut hat sich die Arbeiterpa r- t e i gehalten, die in Birmingham und Liverpool siegte, in Glasgow, ihrer bisherigen Hochburg, jedoch von den Bürgerlichen verdrängt wurde Ten vereinigten bürgerlichen Listen schreibt die Londoner Presse auch zu. daß sich in den Industriestädten das bürgerliche Element out behauptet bat. Die Wahl- betcliguug übei schritt nirgend 65 Prozent.
Vräswenten-Wah!
Wie Amerika wählt.
Das unübersichtlichste Wahlverfahren der Welt. Die Möglichkeit großer Ueberraschungen.
Wahlskandale und Korruption.
Von
Legatus.
Unter den Völkern des Erdenrunds ist das amerikanische bekannt durch seinen ausgeprägten Sinn für das Einfache und Zweckmäßige. Sein nüchterner, auf da Praktische gerichteter Verstand versteht es ausgezeichnet, alle Steuerungen und Betätigungen des öffentlichen Lebens auf den einfachsten Nenner zu bringen. Wer indessen von dieser Eigenschaft auf die Handhabung eines der wichtigsten öffentlichen Geschäfte, der Wahl, Schlüffe ziehen wollte, würde sich einer verhängnisvollen Täuschung hingeben. Denn der Vorgang der Präsidentenwahl, deren erster Akt am 4. November das amerikanische Volk zur Wahl der Elektoren (Wahlmänner) an die Urnen ruft, sucht seinesgleichen an U m st ä n d l i ch» leit und Schwerfälligkeit, die überhaupt nur bann hinzunehmen sind, wenn die Wahl glatt verläuft und ein greifbares Ergeb, nis bat, d h. wenn eine absolute Mehrheit erzielt wird.
Die Schöpfer der amerikanischen Verfassung von 1776 hatten das in seiner Unübersichtlichkeit auf der ganzen Welt wohl einzig dastehende Wahlverfahren in der Versaffung festgelegt, weil sie befürchteten, durch unmittelbare Wahlen auS der Gesamtheit der Wähler heraus könnte Ruhe und Ordnung gefährdet werden. Besonders fürchtete man damals englische Agitatoren. Darum sollten die Wahlmänner nicht als eine ungeteilte Körperschaft, sondern nach Staaten gesondert zusammentreten, und zwar an einem und demselben Tage. Es braucht nicht besonders gesagt zu werden, daß die Absicht der Gesetzgeber, eine klare und unbeeinflußte Willensäußerung der Wähler herbeizusühren, in der Praxis nicht verwirklicht werden konnte. Aber auch hier stoßen sich die Sachen hart im Raum. Die Handhabung des „baCot“, der Stimmabgabe, verursacht nicht nur dem kleinen Mann starkes Kopfzerbrechen; auch der gebildete Amerikaner wei ß oft recht wenig Bescheid um den verwickel, ten Wahlmodus und zeigt eine Unkenntnis, die man ihm keineswegs verübeln kann, wenn man bedenkt, daß die verschiedenen Lokal-, Staats-, Kongreß- und Präsidentenwahlen nicht nur untereinander starke Derschiedenhetten iuiwcisen, sondern auch zu allem Ueberfluß noch in den einzelnen Staaten unter ganz verschiedenen Grundsätzen vor sich gehen.
Wenn die Parteikonvente ihre Kandidaten aufgestellt und der lärmvolle Reklame- ko r s o des Wahl'eldzugs glücklich beendet ist, tritt das amerikanische Volk nach der Vorschrift der Verfassung am Dienstag nach dem ersten Montag im November an die Urnen und gibt seinen Zettel ab. Noch geht es freilich nicht um die Wahl des Staatsoberhaupts, sondern vorerst nur um die Ernennung der Prästdent- schafts-Wahlmänner. der sogenannten Elektoren. Präsident und Vizepräsident werden erst am zweiten Montag des darauffolgenden Januar gewählt. In jedem Staat ernennen die Wähler so viele Elektoren, wie der Staat Vertreter im Senat und im Repräsentantenhaus hat. Am zweiten Dienstag des darauffolgenden Fe b r u’ ar werden die Listen vom Senatsprästdente» in Anwesenheit der Repräsentanten und Senatoren feierlich geöffnet und gezählt, worauf die Kandidaten, die die meisten Stimmen erhalten haben, zum Präsidenten und Vizepräsidenten erklärt werden.
Ist fchon dieses Wahlverfahren höchst umständlich. so erscheint es in der Theorie noch erträglich, wenn man die Schwierigkeiten außer acht läßt, die der Gewinnung eines klaren und sicheren Ergebnisses im Wege stehen. Denn es ist durchaus nicht sicher, daß der Präsidentschaftskandidat einer Partei, die bei der Elekto- renwabl im November die meisten Stimmen erhält, auch im Januar obsiegt. Dieser Fall steht denn auch durchaus nicht vereinzelt in der Geschichte der Vereiniaten Staaten da. Im Jahre 1876 hatte ein solcher Anlaß in ganz Amerika einen ungeheuren Aufruhr verursacht, der das Land aufs heftigste erschütterte. Der Demokrat Tilden hatte bei der Elektorenwahl die Mehrzahl der Volksstimmen für sich erhalten; indessen wurden die Elektoralstimmen, die in Florida, Loustana und Tüd-Earolina abgegeben worden waren, für ungültig erklärt, wodurch der republikanifche Kandidat Hahe bei der Präsidentschaftswahl mit einer Stimme Mehrheit aus dem electorat eollege hervorging. Es bedurfte der größten Anstrengungen Tildens, der au» seine Anhänger beruhigend eintoirfte, um das Land vor einem zweiten Bürgerkrieg zu bwahren. Die Versassungsbestimmungen über