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Meier Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Kaffeler Abendzeitung <&£

Sonnt,g, 25. Iqnuar 1925.

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Einzeliinnnner 10 Pf.. Sonntags 15 Bf 15. ÄN^kANNg

pnußen ist ohne Regierung.

Das neue Gesicht.

Die Ereigniff r im Reichs, und Landtag.

Unter beispiellos schärft» KSmpsen hat sich im vielhundertköpfigen Rat der Abgeordneten in den beiden Parlamenten die Scheidung der Geister u. ein gewisser Abschluß vielmonatiger Krt» sen vollzogen. Freilich dars man sich nicht darüber täuschen, daß auch Luthers Kab nett in entschei­denden Augenblicken jedesmal um Leben und Sterben wird kämpfen müssen, denn die vter-

jirb der Freiheitsdrang in unserern Adern auf- orennen, denn der Strom unserer Seelen hat, nach einem Dichterwort, zu fließen begonnen, wird stärker und stärker werden bis der Damm zerbricht. Und auch unsere Seelen werden, wi­der deutsche Rhein, ein Meer der Erlösung, des Glücks und der Ewigkeit finden. F. R.

Wie nun weiter?

Der Chor der Presse nach dem Sturz Branns.

lPrivat-T elegramm.)

zehn Stimmenthaltungen des Zentrums bei der Billigungssormel zeigen, wie gefährlich ihm die Opposition von dieser Seite wer­den kann. Das Kabinett wird also namentlich innenpolitisch keine großen Sprünge machen dürfen, wenn es nicht von dem dann vereinigten Linksblock in der Flanke gepackt werden will.

Gestern ist nun auch im Landtag die heiß umstrittene Entscheidung gefallen. Die gereizte Opposition hat sich dem preußischen Ministerprä­sidenten. Kultus- und Innenminister Braun mit einer Mehrheit von drei Stimmen entgegen­geworfen. Für die übrige Abstimmung über Mißtrauensanträge erklärte der Landtagspräst- dent die absolute Mehrheit nicht für erreicht, so­daß sich um die Auslegung der Ergebnisse t u r- bulent: Szenen entspannen. BeimVer- trauensanirag" der Teutschnationalen verließ sogar die vereinigte Linke und das Zentrum den Saal, sodaß das Haus als beschlußunfähig erklärt und die Sitzung damit gesprengt wurde Uns liegt es nicht ob, in das Siegesgeschrei oder das Wutschnanben der Partei-Extremisten ein­zustimmen, zumai das Kabinett Braun selbst aus dem Chaos der Abstimmungsschlacht und aus der Tatsache, daß mit einer einzigen Stimme Mehrheit ersprießliche Staatsarbeit nicht gelei­stet werden kann die Konsequenz zog und zurückgetreten ist. Für jeden mit normalem Tat­sachensinn ausgestatteten Zeitgenossen kann es sich jetzt und in aller Zukunft nur darum han­deln: Wessen haben wir uns von dem neuen Staatslenker zu versehen und wie werden sie im Anprall der Sturmflutzeiten sich bewähren?

Das Reichskabinett wird mit Hochdruck und unerhörter Energie an die Arbeit gehen müssen, wenn es uns dem von Luther gezeigten gelobten Land entgegensühren will. Denn fast mehr noch wie irn außenpolitischen Programm, bei dem ja. solange Deutschland zur Ohnmacht verdanimt ist, jede Regierung aus Gedeih und Verderben fremder Willkür ausgeliefert ist, zum mindesten so viel, wie für das Spiel um Köln, Handelsverträge und Kriegs >chuldlüge wurd. uns an innenpolitischen Reformen und Wohltaten versprochen: Hebung d-« Handwer­ker- und Bauernstandes, Stärkung der inneren Kaufkraft, Beseitigung der aussaugenden Ver­teuerungen, Verbesserung deS Arbeitszeitgesetzes, der wirtschaftlichen Lage der weidlich verelende- len breiten Arbeiter- und Angesteutenmassen. Wem sollte bei diesen Lockmelodien das Herz nickt höher schlagen?

Berlin, 24. Januar.

Der Rücktritt der preußischen Regierung wird von de, R e ch t S p r e s s e ous daS lebhafteste be- tüstt. Ein Berliner Blatt schreibt allerdings, daß. die bisherigen Oppositionspc-«eien nunmehr die Aufgabe hätten, sich zu pos111ver « r - beit zusammenzuschließen, ohne jedoch auf Ein­zelheiten einzugehen. Die Nationnlpoft erklärt, -otz eS beim Zentrum liege, ob bald eine titue von einer bürgerlichen Mehrheit getragene Regie,ung in Preußen gebildet werden kaum Tas Zentrumsorgan erklärt, daß man sich nach der Entwicklung der Bolkspartei in den letzten Wochen eine Zusammenarbeit mit ihr in Pren- ren nur noch sehe schwer vorstellen könne. Dre ^entiumspartei werde auch in dieser schweren Stunde bei ihrer gesamten Arbeit staatspotu tische Erwägungen in den Vorder­grund stellen. Die Bildung einer bürger­lichen Koalition könne für daS Zentrum nichi r:t Trage kommen, da auch die demokratische Partei ie in Preußen i »ch Viel weniger urrtnmchen .-de al» im Reich Ein demokratisches Blatt vrovlftzeit, daß bei der Wahl deS netten Mini­sterpräsidenten durch den Landtag der Ka n V i- dat der drei bisherigen Regie- riingsvarteien unter allen Umständen eine Mehrheit finden werde. Ter Vorwärts er­rechnet gleichfalls daß die Wiederwahl Brauns wahrscheinlich fei und bezerch net dies als den besten Auswea aus der Lage.

etrefemonn will vermine n.

Ein deutsches Sicherheitsangebot an Frankreich (Eigener Informationsdienst.)

Berlin, 24. Januar.

Wie wir von bestunterrichtcter Seite erfah­ren, sind die französischen Meldungen über bei. Plan eines neuen deutschen isicherhetts- vorschlageS an Frankreich darauf zurückzu­führen, daß Außenminister Dr. Stresemann zur Erleichterung der Räumungsfrage

bestimmte Vorschläge über die Sicherung des gegenseitigen Friedens zwischen Deutschland und Frankreich

unterbreitet hat. Reichskanzler Dr. Luther hat sich mit den Absichten Dr. Stresemanns ein­verstanden erklärt, aber es muß betont werden, daß das neue Rcichskabinctt zur Zeit zu dieser Frage noch nicht Stellung genommen hat. Das Projekt eines deutsch-französischen« Garantie­paktes soll bereits fettig ausgearbeitet dem Auswärtigen Amt vorliegen und wird noch in den nächsten Tagen den Gegenstand von Kabi nettsbesprechungen bilden.

Und während man in Berlin bemüht ist, zur Beiriedung Dentschlands und Europas die letz­ten Kräfte einzusetzen toben stch in der P a r i« ser Kammer die Amok- und Mitläufer Poinearös in wütenden Tiraden gegen die ver­räterische noch immer röchelnde deutscheBestie- aus, sodaß es aller Geistesgegenwart des eben erst genesenen Herriot bedarf, um mit einigen Tropfen gesunden Menschenverstandes das ent- fesselle gallische Element zu sänstigen. Verzweifelt greift er dabei nach dem Strohhalm des Frie- densverliages, um wenigstens noch die Köl­ner S a n k i i on für sich zu retten, von der er genau wie seine englischen Komplicen weiß, daß sie ein Schlag ins Gesicht der Menschen­würde und des Versailler Friedenswlsches u" besonderen ist. Nichts ist bezeichnender für 6t. Verüöhung des deutschen Ehrgefühls und su: das schlechte Gewissen der Vertrag» brecker als daß sie der Welt noch immer keinen Einblick in die Versehlungsakten gestatten, du sie zu so ungeheuerlichen Maßnaymen aus nutzen. Und auch in der z w e i t e n gestern an gekündigten Rote soll wieder dasselbe halt'ost Geschwätz zum Gegenstand von Verhandlungen aemacht werden, weil der Kontrollbericht. zu dem die Scharen der Schmarotzer zwei Javre Zeit aebab, haben, noch immer mät fertig ist Es braucht keiner Beweise mehr, um die Brüchigkeit und Riedenracht dieses Entente- Komplotts in seiner ganzen Erbärmlichkeit zu entlarven. Aber mit dieser Erkenntnis wird auch die deutsche Widerstandskraft wachsen, die ja noch jedesmal im tiessten Unglück sich am herr­lichsten entfaltet hat. Und um so glühender

Dir Spuren schrecken.

RegierttngSkrife in Preußen wie einst im Reich. (Privat-Telegramm.)

Berlin, 24. Januar.

3m der Preußenfrage hat die D r u t f ck e BolkSpattri «och gestern dir bürgerlichen Parteien zu Besprechungen über die

Neuwahl des preuß. Ministerpräsidenten eingeladen. Zn den Besprechungen find auch die Deutschnationalen u. Demokraten gebeten. Mau kann für Preußen die gleichen Schwierigkeiten erwarten, wie Ne im Reiche rot der Ernennung Dr L n t h e r S zu verzeichnen waren. Die Land­tagsfraktion der deutsche« demokratischen Partei war nach dem Rücktritt deS Kabinetts Braun der Auffassung, daß die Neuwahl des preußischen Ministerpräsidenten so rasch als m 8 gl i ch vorgenommen werden muß. Ihre Vertreter werden in der für heute vormittag 11 Uhr angesetzten Sitzung des Aeltestenrates diese stuffassung zum Ausdruck bringen.

Das zerschnittene Tischtuch.

Herriot alS Gegner deS Papstes.

Parts. 24. Januar

Herriot hat gestern in der Kammer eine mehrstündige Rede alS Antwort auf die Ausführungen Briands gehalten. Die Rede wurde von sehr lebhaften Zurufen der Op­position unterbrochen, worauf starker Bet­

fall antwortete. Herriot entwickelte die be­kannten Argumente zugunsten der

Aufhebung der Botschaft im Vatikan. Nachdem der Papst im Kriege zuerst versucht habe, Italien on seinem Eingreifen in den Krieg zu verhindern, habe er später nicht ein­mal das Selbstbestimmungsrecht der Völker an­erkennen wollen. Der Papst hätte fich als Stimme der Gerechtigkeit über das Partei­getriebe stellen müssen In der ober- schlesischen Angelegen heit habe die französische Regierung keine sehr wirksame Unterstützung beim Vatikan gesunden. Die unterzeichneten Verträge, namentlich der

Vertrag von Versailles müßten eingehalten werden.

Wenn man darüber diskutieren wolle, werbe eS sicher bald zu einem Kriege kommen. Außer einem Reparationsbrief des Kardi­nals Gaspari besteht auch eine Enzyk­lika über die Ruhrbesctzung. Für den Schutz der französischen Interessen im nahen und fernen Osten habe die Botschaft keim Batt» katt Frankreich keine Vorteile gebracht.

Gra n ö-n öttveö itkyt r von Jtcra.

Paris, 24. Januar. (Eigene Trahtmeldung) Ministerpräsident Herriot erinnert- tm wetteren Verlaus-der Sitzung nochmals daran, daß er alle Glaubensbekenntnisse respektiere. Ueberall in Frankreich und im Elsaß habe m-t die Ab­sichten seiner Regierung entstellt. T-e Absicht des modernen Papsttums sei, stch gewissermaßen ttn Innern der Nationen und sogar zwi'chen den Aat-o '-n "j einer s ch ied sr ichte r l > che n M a ch t attfruwersen. Et iHerriot) werde auch Weiter die Grundsätze verteidigen: Tren­nung des Weltliche nvom Geistlichen, völlig un­beschränkte Unabhängigkeit der Staaten.

Kassels Herz.

Warum man die Stadt der Mitte liebt.

Von

Willy Norbert.

«tot* unterer Mitarbeiter hat, tot« schon in feinem »er mehr al« Mo atefrtst erschienenen Essay, «Heber mit Bem feinem chönheiteem- pfinden einer Poeten,eele, einen tiefen *Bid in Chagala« nne. gründliche Angen getan und ihr Bin» tote mit SUberfttft umriffen, ivdatz es nun ne«» tiefer in unseren Herzen wurzeln toird-

Kassel, im Januar.

Kassel ist die Stadt der Mitte nicht nur ge­ographisch. Und der Kasselaner hält seit Jar- chunderten geschickt das inne, was man seit al- terSher in Deutschlanddie goldene Mitte" nennt. Er ist der Mensch der mittleren Linie, das rechte Kind seiner heimatlichen Landschaft. Denn auch sie hält überall die goldene Mitte. So hebt sie an zu kühner Linie, bäumt sich empor, als trü­gen ihre Basaltberge Verlangen nach der Krone ewigen Schnees, um plötzlich wie sich besinnend wieder talwärts zu sinken, hinab zu den bunten Fachwerkhäuschen der kleinen Hessendörser oder der stillen Romantik alter Städte, wie Mar­burg und Fritzlar. So blieb diese Natur immer lieblich, fast zu lieblich. So wie etwa eine gar zu gute Hausfrau, die ttotz der schönsten Ballrobe doch noch der Küchendunst umschwebt. Und ein

Spiegelbild dieser Landschaft ist der Kasselaner. Wie sie, wird er nie verflachen, nie über sich hinausstreben. Heiter, wie seine freund e Umgebung, ist sein Eharakter Di- Fracht ftt- lur Vaterstad. und oft Schönheity.cr Uuige- oung machten ihn'-»einem zufriedenen Menschen, dessen Auge täglich voll Freude auf der Anmut feiner Umwelt ruhte. So kannte et nie die Sehnsucht nach fremden Ländern und

An Luthers Werkstatt.

Parteiarbeit Lockerung der Dawesftffeln.

(Eigene Dtabtmelvung.)

Berlin, 24. Januar.

Zur Lage im Reiche hören wir, daß unter den Regierungsparteien Besprechungen über de Jnterpretion des Regiermtgspro- gramn.s und die Durchführung der angekündig­ten gesetzgeberischen Arveiten begonnen haben. Bezüglich der in der Regierungserklärung ver­heißenen

Verbesserungen und Erleichterungen tret der

Durchführung des Dawespkanes soll es sich vor allem um die Verbesserung der praktischen technischen Details handeln. Bor allen Dingen wird die dentfche Regierung die Forderung attssprechen müssen, daß bei der Zahlung der jährlichen Raten die feste Grenze der Sachleistungen und Barzahlungen zugunsten einer elastischeren Form der Zahlung abgeändert werde« kann.

& nt Le üstua^ autfi für bas Neirh.

Berlin, 24. Januar. (^toe«er Informations­dienste Vorlai-ng läßt sicy noch nicht Über­sehen, »b die bürgerlichen Parteien nun in Preußen eine stabile Regierung bilden können, denn ohne Zentrum würde auch eine Rechtskoalition keine Mehr­heit haben Läßt fick das Z e n t r u m in Preu- ßen nicht dazu herbei, jetzt mit den Rechtspar­teien in dcr Regiernngsfrage zusammenzugehen, dann wird auch das Kabinett Luther im Retcke kaum länger haltbar sein, denn die deutschnationale Panei würde unter solchen Umständen aus Mitwirkung im Reiche verzichten.

Politik der Hintertreppe.

Köln- Drama und geheimer Kontrolldericht.

(Privat-Telegramm.)

London, 24. Januar.

Es besteht Grund zu der Annahme, daß eine Antwort der Alliierten auf die letzte Rote der deutschen Regierung in der Frage der Richträumung der Kölner Zone demnächst erfolge« wird. Die auf den Bericht acr M ilitärkontrollkommissiou gegründete end­gültige Note der Alliierten wird in der e r st e n Februarwoche erwartet Erst wenn der gan­ze Bericht vorliept, könne entschieden werden, ob er vollständig ve.öffenMcht werden soll. Borläi- fifl besteht eine solche Aussicht nicht Einem Londoner Berichterstatter zufolge, soll das Motiv der Note fein, daß eine endgültige Antwort an Deutschland sich aus einige Zeit hinausschie- ben würde, vielleicht bis zum Ende des Monats Februar. Tie Inspektion der Kontroll­kommission, die am 21. Januar anfgehörk

>hat, wird wieder anfgenommen.

Städten, blieb gern daheim und setzte Geschäft und Arbeit der Väter fort. Dadurch wurde der Kasselaner langsam derBürger par ereellence", zum willigen Untertan einer Dynastie, die fast sechshundert Jahre ihn klug zu leiten gewußt. Und der echte Kasselaner blieb bis heute Wie seine politische Einstellung auch sein mag dcr Residenzler von einst, wenn auch die ..Residenz" inzwischen verschwand. Wie in den herrlichen Schlössern der Stadt, auf der Wil- helmshöhe, in der Löwenburg und in Wilhelms­thal das Drum und Dran der alten Residenz noch völlig blank geputzt erhalten blieb, was sie unter den hessischen Landgrafen und Kurfürsten und später unter den deutschen Kaisern gewesen.

Es ist ja kein Wunder, daß dem Kasselaner das Halten an der Vergangenheit im Blute liegt, sieht und fühlt er sie doch überall, diese große, oft glänzende, manchmal trübe Vergan­genheit. die heute verklärt ist, wie vielesaus alter Zeit. Und die Kasselaner hängen denn auch gar sehr an ihr und sind stolz auf sie. Sic sprechen zwar nicht viel von ihr. Sie reden so­gar meist von der Gegenwart und ihren Geschäf­ten. Mit bedeutsamer Geste weisen sie den fremden Besucher auf die Industrie ihrer Stadt hin, diese weltbekannten Lokomoti­ven- und Waggonfabriken. Sie zeigen auch ans ihr mächtiges neues Rathaus und daS große StaatstHeater, diesen schönen Bau, der nur das Unglück hat, an falscher Stelle zu sieben. Aber trotz all dieser imponierenden Werke der Neuzeit ist es doch immer, als schaue bei den lobenden Worten die alte Vergangenheit mit jungem Gesicht dem Sprecher über die Schul- ter und nickte lächelnd dazu, als wisse sie es bes­ser. So bat man das Gefühl, als spräche dcr Kasselaner eigentlich

viel lieber von der guten alten Zeit und ihren unvergänglichen Werten, die überall herabschauen, unv meine nur gestern, wenn er von heute spricht

DaS ist begreiflich. Und ebenso verständlich wie sein Bestreben, auch in seiner äußeren Erscheinung als moderner Mensch und Großstädter zu gelten. Schlendert man durch die obere Königstraße oder über den Friedrichs- Platz (den feudalsten Stadtplatz in Deutschland), so kann man dies namentlich zur täglichen Bummelstunde von 5 bis 7 Uhr nachmittags bestätigt finden. Da wittert man so etwas wie G r o ß st a d t l u f t. An den eleganten Auslagen der großen Kaufhäuser vorbei flaniert nämlich derjenige Teil der Bürgerschaft, der sichGroß­stadt fühlt'. Aber trotzdem man unter ihm auf Erscheinungen stößt, die sogar auf die Tauentzien- ftraße Berlins passen würden, wird man bei nä­herer Prüfung bald erkennen, daß alles gar nicht so ernst gemeint ist. Diemittlere Linie" macht sich auch hier bald beruhigend bemerkbar, und zwar alS eine nicht reizlose

Mischung von Großtzadt und Provinznest.

Kassel ist der klassische Tvvus der kleinen deutschen Residenz, jenes liebenswürdigen, ge-