Kasseler Neueste Nachrichten
Sie ttaneiei Sieueften üiachrrchien ericheinen wSchentlick lechSsai nacbmutaas. Der SbonnementeereiB beträgt für bett Monat 2.— Mk- bet tretet Zustellung tnS Statt?, in bet wefchäitsstelle abgebolt 1.80 Uif. Durch die Po» monatlich LOO Mk. auoschlieklick Zuffellunasaebübr. Betlao und Rebaktion SÄlachtbottttatze 28/30. tfernfptetber 951 unb 952. ftät unverlangt eingefanbte Beiträge kann bie Re» baktion eine Beran twortu na oder ©ernähr in keinem Kalle übernehmen. Stöck- «tblung beS BemasaelbeS ober Anfvrücke wegen etwaiger nickt orbnungsmäktiger >?ieiernnn ift anSaekchloOen. Postscheckkonto Kranfsur« a. Main Nnrnmer 63^0
Kaffeler Abendzeitung
HeMche Abendzeitung
an»etgent>reiie tiSinbeintitoe ©efdiäftSanjetgen äetle20*m- auswärtige «Sefckätts- omeigen Zeile 20 Pfg. Sannttenametgen Zeile 20 Pfg^ Kleine Anzeigen das Wort 4 Pig. Reklamen bie Zeile 75 Psg. Dffertgebüht 20 vfg. (bei Zufenba. bet Offerten SOUfg.1 Ziechnnngsbeträge sind innerhalb 5 Tagen au bezahlen. Für bie Richtigkeit aller butch Kernsooecher auiaegeheneu Anzeigen, sowie tüt Auinabmebaten unb Plätze kann nicht garantiert »erben. Kür Anzeigen mit befonberem schwierigem Tav 100 Prozent Ausschlag. Druckerei: Sthladtthoiftrahe 28/30. GesckättS» stelle Sölnüsche Strane n. «eaenffbet ber Svohrffrgtze ^ernivrecket 051 nnb 952.
Sonntag, 8. November 1825
Einzelnummer 10 Sonntags 15 Vf. 15. JaHkg SNg
Nummer 262. Einzelnummer 10 Pf„ Sonntags 15 Pf.
Köln erst am 1 Dezember frei.
Auf kurze Gicht.
Ucberäll dasselbe politische Bild.
Wir leben in diesen Hcrbsttoten November- tagen politisch sozusagen von der Hand in den Mund und das obwohl oder gerade weil der Einzelne, die Nation und die europäische Menschheit sich plötzlich vor die Alternative einer Politik aus lange Sicht oder der Eintagsdiplo- matie von Fall zu Fall gestellt sieht. So ist es denn der besonnenen Kanzlernatur Luthers gelungen, die aufgerggtenParteiparolen von sofortiger Regierungsumbildung und Reichstagsauslösung dahin umzpmodeln, daß es damit bis nach der Grfülluizg oder . . dem Uasko der sogen „RüökwirkMgen* Zeit habe, um wenigstens bis dahin noch praktische Regierungsarbeit leisten zu können; denn der ewigen Krisen und Wühlereien ist das Volk doch gründlich satt. Allerdings beharrt die Linkspartei, wie sich gestern ergab, »och auf ihrer Ansicht, -aß das Volk erneut über sein Locarnourteil befragt werden soll unb scheint der angebahnten Großen Koalition nicht sehr hold zu fern. Reichstags- Präsident LLbe wird hier ein entscheidendes Wort mitzureden haben.
Außerdem gleichen sich die Locoarnoprogrmmne derPartestm diesmal wie ein Ei dem andern,sodaß der ungeduldige Austritt der Rechtspartei tatsächlich esti großes Schütteln des Kovfes selbst im eigenen Lager hervorrief. Freilich sind die „großen" Anstalten, die man in Paris in so bewegten Worten als Locarnovpfer anpreist (als da sind: Räumung der Kqlner Zone, Abbau der Kreisdelegicnen, Rhcinlandkommissar usw.i längst "fällige Verbindlichjkeiten, die mit Rückwirkung nicht das mindere zu tun haben. Und wenn Herr Fach uns feine Ar Pi sie weiter auf den Hals hetzen und die, hunderttausend Rheinlandschmarotzer uni . . , eine ganze Division verringern Will, so beMrkt er das Mißtrauen. das sich in Weste VolUkreise tzinzunist.'» beginnt. Jedenfalls sind di» neuen „Beanstandungen" der Botschafterkonfveuz bezüglich der Polizei, des Großen Geneqalstäbs und der vaterländischen Sporwerbäntze nicht dazu angetan, den „Geist von Locarno" zu befruchten und die für den Tag der Unterzeichnung verheißenen Räumunq Kölns wird doch xiuch die glühendsten Optimisten recht nachdenklich stimmen.
Dock ist kaltes Bsut durchaus geboten, denn auch Paris lebt ggnz toi£ wir in dep Politik von der Hand in dezr Mutzd. und Painleve zählt heute schon die Tagt» die ihm als Platzhalter für H e r r i et odckr Briand von den Sozialisten noch zugehilligL sind. Tatsächlich bat er schon heute ketn,e, MOhrhcit hinter sich und muß sich (mehr, noch wie Briand mit den Generälen um die „Rü'ckwfrkungen") mit den Radikalen um die Börse seiner Landsleute und die Sünden Sarrails in, Serien schlagen. Mariannes Prestige bei de» islamitischen Völkern ist bedenklich ins Wankchi gekommen, die Eingeborenen selbst Sprechen ihr die Fähigkeit zur Kolonialverwalßeung ab (während sie uns in Versailles von den heutigen Bankerotteuren bestritten wurde). Frankreich haftet für immer der Makel an. die sarOge Welt gegen die Weiße gehetzt und seine eigei/e Raffe an jene verraten zu haben. Paris Wird also das Kriegsbeil in Europa wohl oder fiitel begraben und namentlich Onkel Coglidge sehr deutliche Beweise für Abrüstung und Völkserversöhnung geben muffen, Wenn mitsamt der Legierung eines TageS nickt auch der Frank, in der Versenkung verschwinden soll.
Einzig und ofllein Mussolini scheint beute Europa noch mit Blut und Eisen gängeln zu wollen, ohne daß seine Schuldenakrobaten im Weißen H«ms knpck gut geschlagen werden. Denn kaum hatte man den Krieg in Locarno zum Teufel gesagt, so führte Italiens Diktator mit ihm auch schon allerlei groteske Tänze auf, indem er Mit der Faschrstenke^le nur so um sich fuchtelte. „Wehe denen, die sich Italiens gottgewollten Grenzen nahegi!* Die leicht entzündbaren Schwarzhcmdem hoste» den Arm »um Todes- schwur. Heer. Flotte und Lustgeschwader: Der starke Mann weiß, daß sie nicht bloß nach außen das beste Friedensbollwerk sind. Er bat ietzt feine Leibgarden auch gegen die unterirdischen Wühler zur Verfügung gehabt, als die Todeskuael für ihn schon im Lauf saß. Dump hat der Volksvgtlkan unter dem Blumen'.eppich der Faschistenätza qufgegrollt. Capellos Stoßtrupps standen zum weiten Marsch auf Rom bereit. Rie wart Italiens Condottieri tödlicher in seiner römischen Hochburg bedroht, als in dem Augenblick feiner 'höchsten Machtentfaltung. Niemand wird die Verdienste des Vielgehgßten um Wiederaufbau und Wohlfahrt des Landes bestreiten wollen und auf keine Weise hat er sich sicher als. erster Diener des Staates gefühlt Aber wird ihm "heim Anblick der anstürmenden Volksmaffen milcht die Erleuchtung glommen
ein. daß es besser ist. sie in die Staatskarosse einzuspannen, als sich in einer unbewachten Schicksalssmnde über den Hausen rennen zu lassen? Auch der große Diktator hat sich ganz auf den Tag eingestellt. Wahrlich kein beneidenswertes Los für einen -Staatsmann, sich 'Endlich von Ueberreächungen und Gesahren umringt zu wissen. Und auch Europa wird noch auf manches Beben des politischen und... geographischen Vesuvs im sonnigen Süden ge- aßt sein müssen. F. R.
Gift Mterzeichnez?!
Von den Botschaftern beanstandet. 1. Dezember. (Eigene Lrahtmeldung.»
Paris, 7. November.
Laut Pressenotiz wird in der Mitteilung der Botschafterkonferenz an die deutsche Regierung Folgendes zum Ausdruck gebracht: Die Alliierten haben den aufrichtigen Wunsch, mit der Räumung der Kölner Zone schon am Unterzeich- nungstage der Lorarnoer Verträge am L D e - z e m b e r zu beginnen. Das Versailler Komitee verlangt jedoch vom Reiche, unverzüglich Dispo- itionen zu treffen, damit die K o n tr ollkommt f s i o n e n in der Lage feien, einen befriedi gcnden Bericht zu übermitteln. Es handelt sich namentlich um die illegale Bewaffnung, den Charakter der Polizei und die Organisation des Großen Generalstabes. Einem Blatt zufolge handelt es sich noch um Dreier- l e i: nämlich der deutschen Polizei ein ähnliches Regime zu geben, wie der Polizei anderer Länder, den Gebrauch der nadj dem Vertrage von Versailles verbotenen Waffen zu untersagen und den Sportvereinen (!) und vaterländischen Verbanden militärische Tätigkeit zu verbieten.
Berlin drängt auf 6i!e.
Wo bleiben Rote und Rückwirkungen?
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 7. November.
Der deutsche Botschafter in Paris, Herr von Hösch hat bisher feine Rote in der Entwaffnungsfrage von der Botschafterkonferenz rhal- ten. Dagegen sind die deutschen Botschafter in London und Paris erneut wegen Erfüllung der in Locarno gegebenen Zusagen vorstellig geworden. An deutschen diplomatischen Kreisen ist man der Ansicht, daß die Räumung der Kölner Zone nicht von der Erfüllung der letzten Abrüstungsforderungen ^abhängig gemacht wird.
Der neue Rvrinlandkommlffar.
Berlin, 7. November. (Privattelegramm) Der 3 um deutschen Rheinlandkommissar aus ersehene deutsche Botschafter in Madrid Lang- werth v. Simmern soll bereits nach Parts abgereist fein, wo er mit dem deutschen Botschafter v. Hösch Besprechungen haben werde.
Linkspartei für Neuwahlen.
Löbe hat das letzte Wort.
(Eigener Anformanonsdienft.)
Berlin, 7. November.
Die gestrige Fraktionssttzung der Sozialdemokraten hat einstimmig die Haftung des Vorstandes gebilligt, und beschlossen, die Deutsch- nationalen nicht aus der Beraniworiung für die Durchführung des Bertragswerks von Locarno zu entlassen. Bon der Regierung fall die Befragung des Volkes gefordert werden. Am Mittwoch wird die Partei mit dem Reichstagspräsidenten Löbe verhandeln, der morgen aus Amerika in Deutschland wieder eintrifft. Es soll vor allem die Frage der früheren Reichstags-Einberufung entschieden werden.
Wieviel Kohlen fördern wir?
Stattliche Leistungen der Ruhrzechen.
(Eigener 'Informationsdienst.)
Essen, 7. November.
Nach vorläufigen Errechnungen wurden in der Zeit vom 25. bis 31. Oktober im Ruhrgebiet in sechs Arbeitstagen 1 996 485 Tonnen Kohle gefördert gegen 1 996 396 Tonnen in der Vorwoche. Die Kokserzeugung stellte sich in den sieben Tagen (mit Sonntag) auf 395 826 Tonnen gegen 409 784 Tonnen in der Vorwoche, die Preßkohlenherstellung auf 69 944 Tonnen gegen 62 748. Die arbeitsiägliche Koblenförderüng betrug 332 748 Tonnen gegen 332733 Tonnen in der Woche vorher und 379 840 Tonnen im Iahres- durchschnitt von 1913. Die tägliche Kokserzeu- giing stellte sich auf 56 547 Tonnen (gegen 58541
Tonnen bezw. 68 377 Tonnen), die Preßkohlenförderung auf 11657 (10 458 bezw. 16 339- Tonn.
Wie es gemacht wird.
Straf ernannt ^Kbidtrctianen". (Privat-Telegramm.)
Berlin, 71 November.
ReichsauLenminiftcx Dr. Stsefrptanit läßt folgende Erklärung verbreiten: Pach einer Pressenotiz chatte ich bei einem Ptpsseempfa tg in Dresden über Aeußerungen geK>roch:n, die der frühere Reichs'-nintster S dl i c üe im Kabinett gemacht hätte, sowie über Mrqvitge die fi>1> art eine Verabschiedung vom Kabiuett geknüpft hätten. Tatsächlich habe ich in meinem Vortrag den Namen des Herrn Reickswin^stecs Achtele überhaupt nicht genannt und mich mit irgendwelchen Vorgängen in Ritter Kabinetts- sstzung nicht befaßt. Der Wortlist des Stcno nramms erweist diefes klar. Im übrigen hat her R-rfasser des Berichi-s b-reiO <m«eff<-nden daß ich die betreffenden Aeußertmgen nicht getan hätte. Die gegenteiligen 'Behauptungen ffnd sonach als vollkommen unwahr und erfunden zu bezeichnen. Wenn ich gefagt habe, daß die deu-scknationaleu Minister if-*- «nlljmmitio tu der Arbeit der Delegierten in Locarno aus- "efprnck-n böften, fo ift »ms als P-ikem'k o-nen die Rechtsblatter aufzufaffen, die eine Zustimmung zu dem gefaßten Koinnettsbefchloii in Abrede stellte. Ich muß m'rf) aber entschieden dagegen verwahren, haff eilte beendige ,ir'n->te Aenßerung an die Presse, noch dazu in einer «entstellten Form weiter gegeben wird.
Loolldge gibt alles zurück.
Senator Borah und das deutsche Eigentum. (Durch Funkfpruch)
Washingtan, 7. November.
Es verlautet, C o o l i d g e stimme mit Senator B o r a h in dem Gedanken überein, daß daS beschlagnahmte deutsche Eigentum unverzüglich den rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben werden sollte. Coolidge habe bei einer Besprechung mit Borah die Frage geklärt. Senator Borah habe daraus die Einbringung einer diesbezüglichen Vorlage in der nächsten Session des Kongresses angekündigt.
Von Dollars Gnaden.
Europa als Geldvasall. Schacht an der Quelle. (Durch Fnnkspruch-
Newyork, 7. November.
Zu dem Besuch des deutschen Reicksbankprä- fidenten Schacht berichtet ein Blatt: Obwohl kein Abkommen getroffen werden solle, um auf den Geldmärkten der Welt eine Hegemonie her Wallstreet aufzurichten, erwarten die Finanz. kreise doch, daß bei der Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts in Deutschland, bei der Errichtung des Goldstandard in England und der Stabilisierung der französischen, belgischen und italienischen Währung ganz automatisch die Vereinigten Staaten eine Vormachtstellung in der Weltfinanz erlangen werden. Die amerikanisch-europäischen Grenzen würden „ll> mählich immer näher an-inander rv-rörft und durch die gemeinsamen Finanzoperationen verstärkt. Durch die Besticke der fremden Finanzkapitäne und des Reichsbankpräsidenten Lckack' seien in der internationalen Finanz hinsichtlich der amttichen Bankraten und der Goldbewegttng gute Beziehungen hergestellt. Schacht besichtigt hier verfchiedene Refervebanken.
Das Ldaos in Syrien.
Ein Rebell als Gouverneur. — Ohne Eisenbahn (Eigene Drabtrneldung.)
London, 7. November.
Aus Kairo kommen ernste Nachrichten über die Ereignisse in Syrien. Die Aufständischen haben Beraa angegriffen und besent. Der Führer der Aufständischen, Schelasch, hat sich felbft zum Militärgouverneur und Rafsib el Bakry zum Zivilgcuverneur ernannt — Die Eisenbahnverbindung zwischen Damaskus und Palästina einerseits und Transjorda- nie« andererseits ist vollständig unterbrochen.
68 albt fein Zurück
Paris, 7. November. (Privattclcgramm.) P a i n l e v ö und Briand erklärten gestern vor dem Kammerausschuß, Frankreich sei es sich selbst schuldig, die Ausgaben in Syrien durchzu- sühren. Die Regierung habe beschlossen, die Vollendung dieser Ausgabe dem Senator De 3 u 6 e it c I zu Übertragen.
Glücklichere Wilde.
Aus Bali wird die Arbeit zum Fest.
Wie rbklurchtsooll da» Boll »er Bali (an der SLbostküftr von Jona) au religiöse« und feiet» siche« Bränckeu bringt, bie das Leben mit einem h'taten Ära«« von Feste« umwinden, weiß linier Mitarbeiter (Selin Roß in seinem soeben er« schiene»«t» Buch „Heute in Indiens, «eS txor bie Seele -u zaubern. (Lolin Ruß bekennt R6 Mit Schwung unb Rackdrnck »e den fogenannte« Bali - Befeffeue«, wenn et schreibt: „Sali ist in Wahrheit ein . Ban-Zanten-Eilauv", das ein süßes Gift birgt", rüst er aus. „53er einmal davon genossen, der wird unbrauchbar für den Westen, für westliches Jagen und Hasten, westliche Genüsse und westliche Frauen. Ich habe viel Schönheit auf diefw Erde gesehen und ich möchte wobl den einen oder andere der schö it sten Orte Wiedersehen, wie die Gletscker des Jllimani oder die Tempel von R i k k o oder den Strand Haivats. Wenn aber nicht, nun dann kann ich"s verschmerzen. Ersühre ich aber, heute, daß ich Bolt nie Wiedersehen sollte, so ginge es mir doch wie ein eiskalter, schneidender Schmerz durch die Seele." Doch das sind nur Worte, könnte man sagen, Stimmungen und Gefühle. Wie aber sind die Tatsachen? Völkern gegenüber gilt unstreitig der Satz: .Sage mir, wie du arbeitest, und ich sage dir, wer du bist!" Nun, Bali ist auch bei der Slrbeit so, daß selbst die größte Bali-Bese ssenbeit verständlich u. gerechtfertigt erscheint. „Es war auf einer meiner ersten Fahrten durch die Insel, so schreibt Colin Roß, als ich das Feld mit den pflügenden
festlich geschmückten Ochsengespannen erblickte. Vielleicht fünfzig Gespanne zogen hier in Reihen neben- und hintereinander Über ein ausgedehntes Feld. Die Ockfen waren zu zweit oder zu viert vor die Pflüge gespannt. Sic trugen einen imposanten Kopfschmuck aus buntbemalten Lederscbilden, und am Hals baumelten aus Holz geschnitzte Glocken in Form von Alpen-Kuhglocken, nur ungleich größer. Wahre Glockenriesen waren das, die den Ochsen bi§ zu den Knien herabhingen und noch breiter als hock waren. Tas war mein erster Eindruck von basischer Landwirtschaft, die immer verknüpft st mit Gottesdienst und Fest, wie jede Arbeit auf Bali und überhaupt jede Lebensäußerung. Ter Boden gehört den Göttern. Sie haben ihn den Menschen zur Nutzung überlassen, und sie wollen, daß alle gleichmäßig barmt teilhabeft. Sie Desa, die Dorsgemcinschast, verfügt über da« Land. Sie weistt jedem seinen Teil zu, den er zu bewirtschaften hat und dessen Früchte er ernten darf, ohne daß jedoch der Boden in sein Eigentum übergeht. Dieser kommunistische Grundsatz wird jedoch in letzter Zeit mehr nnd mehr Durchbrocken, und es gibt heute schon Formen, unter denen man Privateigentum erwerben kann. Eines haben die Holländer jedock verhindert, wie fast auf dem ganzen Archipel, daß europäisck-amerikanifckes Kapital sich des Bodens bemächtigt. Nichtbalinesen können auf Bali keinen Grund erwerben, höchstens auf begrenzte Zeit pachten. Das balinesische 9[flrar« system beruhte bisher darauf, daß c8 noch freien Urwaldboden gibt. Wird ein Dorf so bevölkert, daß das Land der Desa nicht mehr zur Ernährung aller ausreicht, so zieht das Jungvolk aus und gründet
im Urwald ein neues Dorf.
Wie jedoch überall, wo die Europäer mit ihrer Hygiene eine Verringerung der natürlichen Sterblichkeitsziffer bewirken, so drobt auch Bali mit der bevorstehenden Ueberbevölkerung alles Elend unserer Zeit: Hunger, Arbeitslosigkeit, Industriealisierung. Das sind einstweilen alles noch unbekannte Begriffe. Noch reicht der Boden für alle, aber kaum noch für lange. Nur im Westen der Insel sind nock Teile ungenutzten Urwaldes. Dabei wächst die Bevölkerung in einer unheimlichen Weise. Betrug sie vor dem Kriege bereits achthunderttausend Einwohner, so ist heute schon die Million überschritten. Ist das letzte freie Land verteilt, dann ist es auch zu Ende mit den bisherigen freien und glücklichen Lebensformen. Dann werden sick die Balinesen aus Borneo und Sumatra als Kulis verdingen müssen. Oder man wird auf Bali Plantagen und landwirtschaftliche Industrien gründen, die Arbeitsgelegenheiten r«baffen. Damit wird auch das gemeinsame Arbeiten auf gemeinsamen Feldern ein Ende finden. Dieses Arbeiten, das gar kein Arbeiten in unserm Sinne ist, sondern ein fröhliches Spiel, ein Fc't und nur eine neue Form für daS Aicvereins- werden mit Natur und Gott. Noch stärker als beim Pflügen und Säen und Pflanzen tritt dies natürlich bei den Erntearbeiten in Erfckeinn.'tq. Reiser nte ist das große Fest, ich hätte benähe gesagt, das arößte. wenn nickt all'S Feit wäre auf dieser Insel und man bei ihren Festlichkeiten nickt eine Steigerung nach ber tnoern erlebte. Tie Arbeit ift gar nicht einmal so Icickt. Es heißt den ganzen Tag in ber fenienbe-i Sonnenglut auf pcm Feld sieben. Mit Minnen