Kasseler Neueste Nachrichten
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Hessische Abendzeitung
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Kummer 18. Einzelnummer lsi Pf, Sonntags 1!) Pf.
Freitag, 22. Januar 1926
Einzelnummer 10 Pf, Sonntags 15 Pf.
16. Ia^raaug
pariser Klänge zum Lutherkabinett.
Die vier Gäulen.
Wird das Kabinett halten?
(Von unserem Berliner Vertreter.)
Berlin, 21. Januar.
Am Dienstag wird sich das neue Kabinett Luther dem Reichstag vorstellen und durch den Reichskanzler sein Regierungsprogramm entwickeln lassen und im Anschluß an die hochpolitische Debatte die Vertrauensfrage stellen. Schon jetzt läßt sich erfennen, wie außerordentlich schwer es die neue Regierung haben wird, die innerpolitischen Nachwirkungen der endlich nach langen Kämpfen überstandenen Krise zu über- winden. Sogar die Regierungsparteien selbst, sind heute weit davon entfernt, der nächsten Zukunst optimistisch entgegenzusehen. In erster Linie sind es die Demokraten und das Zentrum, die nicht ohne ernste Bedenken in das neue Kabinett Luther eingetteten sind, weil sie befürchten, daß der innere Zusammenhalt der neuen Regierungsparteien nicht fest genug ist, um dem zu erwartenden Anstürmen der Oppositionen von Rechts und Links erfolgreich standhalten zu können. Aus mißtrauischer Passivität der äußersten Flügel aber können für das KoLinett sehr ernste Komplikationen entstehen.
Der Rechskanzler mutz — und daS ist für ihn »ine Lebensfrage — so viele positive Momente in sein Programm hineinbringen, daß er der Kritik der Gegner standhalten kann. Betrachtet man die Zusammensetzung des neuen Kabinetts näher, so gelangt man zu dem Ergebnis, daß es über vier führende Köpfe verfügt, deren maßgebender Einfluß in stürmichen Zeiten aus- isa-laggebend fein dü-ste ES siw dieS: Dr. Luther, Dr. S1 r es e m a n n, Dr. Marx und Dr. Geßler. Diese vier Minister spielen im parlamentarischen Leben seit den letzten Jahren eine so große Rolle, daß sie in ihrer einheitlichen Zusammenfassung eine Macht darstellen, die den Schwierigkeiten gegenüber ausreichend gewachsen erscheint. Hierin liegt ein sehr wichtiges positives Moment, das geeignet ist, einen übertriebenen Pessimismus zu desavouieren. Es steht aber auch ganz ohne Zweifel, daß jeder der genannten Staatsmänner in der inneren Politik Deutschlands eine hartumstrittene Position hat, die den Angriffen der ©erntet fast dauernd ausgesetzt ist. Reichskanzler Lr. Luther hat bei der Linken wenig Freunde, denn sie erblickt in ihm den Exponenten einer Rechtspolitik, während Dr. Stresemann wegen seiner Locarnopo« l it i k bei den Rechasparteien auf unüberbrückbare Feindseligkeit stößt. Was Dr. Marx an- betrifst, so ist er durch seine innerpolitische Haltung und durch die ihn übertragene Prästoent- schastskandidatur des republikanischen Blockes ebenfalls für die Rechtsparteien belastet. Am tragischsten aber ist das Schicksal des Reichswehrministers Dr. Geßler, der als ausgesprochener Demokrat in seiner eigenen Partei viele Eegner besitzt und b,r von de: L.tken Io scharf bekämpft wird, daß ihn oftmals die Rechtsparteien verteidigen mußten. Man kann deshalb das neue Kabinett eine Regierung der umstrittenen Köpfe nennen, was angesichts der ganzen innerpolitischen Situation nicht einmal ein Nachteil ist, da jeder der vier Staatsmänner über eine starke Anhängerschaft verfügt, die sie in den entscheidenden Momenten verteidigen wird.
Wenn man auch im politischen Leben Prophezeiungen vermeiden soll, so läßt sich doch daS eine sagen, daß die Erfahrungen dieser letzten Dauerkrise auch die Opposition schrecken dürsten. Die Verantwortung dafür, die jetzt eben zustande gekommene Regierung wieder zu stürzen, wird keine verantwortungsvolle Partei zu übernehmen geneigt sein, denn niemand wüßte, was man an die Stelle dieses Kabinetts setzen soll Darin liegt ganz zweifellos die Stärke der Regierung Luther Sicher ist, daß keiner Partei die Unterstützung der Regierung ganz leicht fallen wird, aber ebenso sicher ift auch, daß jede Partei es sich dreimal überlegen wird, ehe sie die Verantwortung dafür übernimmt, baS zweite Kabinett Lutber zu stürzen. So kann das neue Kabinett Luther, wenn es seine Aufgaben Nug und energisch an- packt, wohl auf die Unterstützung rechnen, auf die es nun einmal bei seiner schweren und verantwortungsvollen Tätigkeit angewiesen ist.
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Landwirt Dlum a!S Minister ?
Berlin, 21. Januar. (Privat - Telegramm.) AnS Zentrumskreisen verlautet, daß der Zen- trumSnbgeorbnete Dr. Perli ins die Ueber- uahme beS Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft abgelehnt habe und daß das
Zentrum nunmehr beabsichtige, den Abg. Landwirt Blum (Krefeld) in Vorschlag zu bringen.
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Linksfron! für een DolkeenNcheiv.
Berlin, 21. Januar. (Privattelegramm.) Der Gewerkschaftsbund hat nach einer Mitteilung beS „Vorwärts" beschlossen, zwischen der sozialdemokratischen und der kommunistischen Partei zu vermitteln, um dem Volksentscheid über die Enteignung der früher regier-nbett Fürsten eine einheitliche unb feste Grundlage zu geben.
Kühle Grüße aus Varis.
Sorgen und Aengste um bas Lutherkabinett.
(Eigene Drahtmelbung.)
Paris, 21. Januar.
Die heutige Morgenprefse beurteilt die Bildung des neuen Kabinetts Luther zurückhaltend. Ein Blatt schreibt: Da bas Reich jetzt von einem Ministerium ohne Mehrheit regiert werbe, da es nötig habe von einer Debatte zur anderen gelegentliche Mehrheiten zu suchen, sei dies im Grunde genommen eine halbe Diktatur, die mehr oder weniger geschickt verborgen werde. Ein zweites Blatt hält das neue Kabinett für demokratischer, als das vorangegangene. Es müsse Schaukelpolitik treiben und für innere Fragen an die Nationalisten appellieren, denen übrigens Luther sehr nahestehe. Ein radikales Blatt führt aus: So entschlossen der Reichskanzler fei, die äußere Politik fortzusetzen, der Geist von Loearno werde auf die Dauer zermürbt werden, wenn der Rei^kanzler fortfahre- die Deutschnationalen zuerst der Regierungsmehrheit gefügig zu machen, um sie schließlich zum Eintritt in die Regierung zu bewegen. In Millerands Organ Heißt es: Die Krise in der deutschen Kabinettsbildung sei eine Krise des Parlamentarismus, unter der Deutschland seit sechs Jahren leide. Solange im Reichstag die extremen Parteien sich ausaleichen, sei es unmöglich, anders zu regieren, als durch ein Kom- vromiß. Ein letztes Blatt äußert sich dahin, bas Minderheitskabinett würde bei ben kommenden Parlamentskämpfen keinen leichten Stand haben.
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6fn Freukrnruk aus Stal en
Rom, 21. Januar. (Funktelegramm.) Ein demokratisches Blatt drückt feine Freude darüber aus, daß es Luther gelungen ist, ein Ministerium zu bilden. Besonders entzückt ist bas Blatt davon, daß bei neue Reichsmini st er bes Innern im neuen Kabinett ein Demokrat ist.
Der Hieb saß.
Chamberlain - Brianb unb die Besatzungsfront (Eigener Drahtbericht.)
London, 21. Januar.
Der deutsche Botschafter v. Hoesch hat gestern bezüglich ber Befatzungsstärke mit Briand verhandelt. Ein Blatt meldet dazu aus Pari^. die deutschen Vorstellungen würden von dem alliierten Kabinett ernstlich in Erwägung gezogen wer- den. Es wird erwartet, daß die Frage zwischen Chamberlain und Brianb besprochen wird, wenn ersterer Paris besucht. Zugleich werde die Frage der künftigen Ueberwachung der deutschen Rüstungen bis zum Uebergang der Kontrolle auf den Völkerbund erörtert werden. Ein anderes Blatt hält eS kaum für wahrscheinlich, daß die alliierte Antwort vor Mitte der konnnenben Wock>e in deutschen Händen fein werde.
Moskau macht sich frei.
Vom Agrar, zum Industriestaat.
(Eigene Drahtmelbung.)
Moskau. 21. Januar.
Der Wirtschaftkommifsar DzerfchinSki will bei ben Plänen zur Entwicklung der Industrie von folgenden Richtlinien ausgehen: Die Sowjetunion muß aus einem Lande, welches Maschinen und idustrielle Einrichtungen einführt, allmählich in ein Land verwandelt werden, welches Maschinen und industrielle Einrichtungen herstellt. Insbesondere beauftragt Dzerschinsft die Kommission mit einer Revision der Pläne für die Entwicklung der Metallurgie und Metallindustrie, damit ein allmählicher Uebergang zur vollen Unabhängigkeit von den ausländischen Staaten in Zukunft gewährleistet werde.
erst im April?
Schmerzliche Nachricht für Abrüstungsfreunde (Eigene Drahtm.-ldung.)
Gens, 21. Sannar.
Trotz aller Dementis fcheint man in Völkerbundskreisen bestimmt damit zu rechnen, daß die
Zufammenkunst der vorbereitenden Abrüstungskonferenz wahrsä)rinlich bis zum Monat April verschoben wird. Als Verhandlungsort bleibt jedoch nach wie vor Genf vorgesehen. Ferner wird mit dem baldigen Eingehen des Änfnahmegesuches Tciitschlands gerechnet.
Franzosen von heule.
Wandlungen im VolkScharakter.
Verriet als Durchsämitistov. — Sein Parteifanatiker. — Nur keine höhere» Stenern. — Er hängt am Alte». — Der grobe Katzenjammer. — Frager n»d Zweifler. — Der Blick «ach Osten.
Wunderdoktor SooliSge.
Serenger als Schuldenpatient im Weißen Haus. (Eigene Drahtmelbung.)
London, 21. Januar.
Reuter berichtet aus Washington über den Besuch d-s neuen französischen.Botschafters im Weißen Hause. Verenger erklärte, die. wrrt- schaftliche Welt könne nichts ins Gleichge-v,lyt ge- bracht werden, wenn nicht alle in der Welt ihren inneren und äußeren Verpflichtungen nach- kämen. Frankreich wolle die zu seiner Verteidi- gung eingegangenen Schulden so schnell und vollständig regeln, wie es seine finanzielle Lage gestatte. Präsident Coolidge erwiderte, er hoffe, dast eine billige und ehrenhafte Regelung der französtscl-en Kriegsschulden bald erreicht werde. Unüberwindliche Schwierigkeiten dürften bei einer solchen Regelung nicht bestehen.
Es kommen bessere -Zeiten.
Ein Engländer über unsere Wirtschaftskrise.
((Eigener Drahtbericht.)
Manchester, 21. Januar.
Der HsndelssekretSr der britischen Botschaft in Berlin, Thelwell, der sich zur Zeit mit dem britischen Exporthandel bespricht, erklärte geftern es -sei un/-er weidlich, daß der Geschäftsverkehr mit Deur,chiand sich gegenwärtig nur in beschränktem Umfange nbwickele, und daß bei Abschlüffen mit deutschen Finnen besondere Sorg- falt geübt werden müsse. Der deutsche Wirt- schastsprozetz könne als ein weiterer Schritt zu gesünderen Zuständen betrachtet werden. Rur durch die Beseitigung der schwächeren und ungesunden Elemente werde der deutsche Markt wieder normal werden. Wenn man den Zeitpunkt auch nur schwer ungeben könne, so werde doch eine ziemlich stetige Wiederbelebung erwartet.
Hundert Missionen gemischt?
Die große Fäslck-errazzia in Ungarn.
((Eigene Drahtmelbung.)
Budapest, 21. Januar.
Im Zusammenhang mit der Franksfälschungs- sache wurde gestern der Ingenieur Johann Stitz verhaftet, der mit den Fälschern in der Berbin- duna gestanden haben soll. Die französischen Polrzeibeautten sollen zwei weitere Frankfälscher namhaft gemacht haben. Auch sollen sie angegeben haben, daß nicht 25000 Stück, sondern 125 000 Stück »nsslhftücke der T-wkendfranknoten im kartographischen Institut er^ttgi w irden sind. Wie die Polizei ermittelte, si.no die ungarischen Päffe für Jankowies, Dr. SLwetz. Jarap und Radoim Juni vom Paßamt auf Weisung Navoffys ausgestellt worden. (Siehe a. 2. Seite.)
Frankreichs Delettive auf öer Führte
Paris, 21. Januar. (Eigene Drahtmelbung.) Laut Preffenotiz ist ber Generalbankkontrolleur, der mit der Untersuchung der Banknotenfälschungen in Budapest beauftragt war, gestern nach Paris zurückgekehrt. Zwei seiner Mitarbeiter siub bis auf weiteres in Budapest geblieben.
Sibiriens» Süden.
Eisiger Frost. — Schnccsturrn. — Wolfabenteuer.
(Durch Funkspruch.j
Rom, 21. Januar.
Im Oberitalien dauert die Kälte nach wie vor an. In Turin sank die Temperatur bis zu vierzehn Grad. In Mailand wurden wegen der Kälte gestern die Schulen geschloffen. In Mailand sind zwei, in Turin eine Person erfroren. Der Verkehr zwischen Riva und Ro- vereto mußte infolge Schneesturmes unterbrochen werden. In Istrien haben Wölfe mehrere Maultiere unb Hunde zerrissen. Bei Santa GroeS wurde ein Auto von Wölfen überfallen. Es gelang dem Chauffeur, durch Revolverfchüffc 2 Wolfe zu töten u. die übrigen zu verscheuchen
Leber der Nordsee veeschoffen.
Amsterdam, 21. Januar. (Funktelegramm.) Don einem vermißten Militär-Flugzeug, das an Schießübungen an der Nordseeküste teilnehmen sollte, ist bisher noch keine Spur gefunden worden. Da an der ganzen Meeresküste dichter Nebel und Schneesturme herrschen, befürchtet man, daß das Flugzeug sich in der Richtung verirrte unb nach ber See zu geflogen ist. Kavallerie unb Torpedoboote suchen die Küste ab. Außerbem sind Flugzeuge zur See abgegangen.
Paris, 21. Januar.
Man muß seine Nachbarn genau kennen, wenn man mit ihnen wirklich in Ruhe und Frieden leben will. Der Deutsche kennt den Franzosen, den Durchschnittssranzosen", der mit seinem Gefühle und seinem Wahlzettel Frank- reichs Regierer macht, nichtI Diese Gattung ist eine Prägung des früheren Herrn Proseffors Eduard Herriot, den sein linksdemokratischer eifer zum Bürgermeister von Lyon, der größten französischen Industriestadt, machte, die seit 1924 freilich eine sozialistische Mehrheit hat, welch« den „bürgerlichen" Maire gerade noch duldet. Die besagte Gattung demonstrierte Herr Herriot, als er auf der Üblichen Parteistufenleiter zu Frankreichs Ministerpräsidenten hinaufgestiegen war, welches undankbare Amt er mittlerweile wieder mit dem eines Präsidenten der Abgeordnetenkammer vertauschte. Der „Durchschnitts- franzose" lebt aber weiter, wie er schon vor seiner Gattungsnennung lebte und wählte. Er bezeichnet sich mit Vorliebe als Demokrat, lehnt aber soziale Fortschritte nach dem Borbilde Deutschlands unb Englands ab; er hat bisher auch nicht das Frauenstimmrecht angenommen. Er ist ein guter Republikaner, politisch aber so passiv, baß eS ihm gleich ist, ob die Leute mit dem Liliena Zeichen (Roya- listen-Bourboneu und Orlesnioen) ober mit bem Bicnenfymbol (Rapoleoniden) heute an bie Regierung kommen. Wenn sie nur nicht mehr Steuern verlangen! Denn Frankreich ist bas
steuerbeguemste Lanb Europas,
wenn nicht ber ganzen Kulturwelt, bie Elsaß- Lothringer, bie breimal soviel Steuern bezahlen müssen, wie bie Jnnersranzosen, behaupten im Parlament unb in der Presse, baß ungefähr achtzig Prozent der Franzosen überhaupt keine Steuern bezahlen. Und das stimmt so ungefähr. Frankreich ist groß und reich, bet „Durchschnitts sranzose" ist aber ein ausgesprochener Kleinbürger und äußerst bescheiden in seiner Lebensweise. Was z. B. ber Frembe von Paris sieht, ist nicht Paris, biese größte Kleinstadt der Welt. Der „Durchschnitts- sranzose", auch der Pariser, liebt sich einen ausgesprochenen Republikaner zu nennen, ist aber in feinen Traditionen wahrhaft königlich konservativ. Auch der gute alte Pariser Bürger sitzt immer noch am offenen Kamin, kennt im Schlafzimmer nicht den Waschtisch, sondern er gibt sich auck> damit zufrieden, wie es vor dreißig oder fünfzig Jahren war. In Paris wirb sehr viel gehastet, gerebet, geschrieben, aber bie metho- bische, burchorganisierte Arbeit kennt man noch nicht. Aus bem Lande noch weniger. Der „Durchschnittsfranzose" fühlte sich aber bisher wohl dabei, erst jetzt beginnt Die rauhe Wirklichkeit dem beschriebenen Pariser, den geruhigen Nordfranzosen, den bequemen Leuten des Midi und den französisch-italienisch» spanischen Südfranzosen zn zeigen, daß eS mit ben Trabitionen des Kleinrentnerstaates aufzuhören beginnt! Heute glaubt er nicht mehr an den „Boche", unb erst recht nicht mehr baran, baß bieser alles bezahlen kann, wie man ihm Vormächte. Mehr Arbeit, mehr Steuern wirb er leisten muffen! Die jeweils regie- tenben Parteihäuvtlinae getrauen sich noch nicht so recht, ihm bas zu fragen, weil sie fürchten, seine Stimme zu verlieren. Der „DurchschnittSsran- zose" wählte am 11. Mai 1924 einfach bie Links- blockkandibaten, weil sie mit Recht sagen konnten, ber Rechtsblock (Bloc national» habe feine Versprechungen nickt gehalten. Bis heute tonnte aber auch ber Linksblock nicht nur nichts wahr machen davon, sondern er mußte neue Steuern erheben, mußte ober wollte neue StaatS- Vostev sckaffen. ber Franken unb bie Renten fielen immer tiefer unb in Marokko und Svrien ist Krieg! Der „Diirckicknittsfranzose" kennt wenig Geschichte unb noch weniger Geographie, er fühlt sich
als Demokrat unb Republikaner getäuscht
unb bat jetzt Gefühle für faschistische ober kommunistische Lehren. Beim Franzosen ist in ber Politik Gefühl alles, in höherem Grade wie bei irgend einem Nachbarn. Am Schluß der großen Revolution stand N a p o. l e o n. Zn seinem Sarkophage im Jnvaliden- dom wallfahrtet heute der „Durch schnittssran- zose", ob kirchlich gesinnt oder laikal, immer zahlreicher. Er, der Republikaner, der gefühlsmäßig die Parteiwirtschaft unb ihr Parlamentsregime zum Teufe, wünscht, weil er eine Autorität sucht. Der „Durchschnitts, sranzose" iß zweifellos ein guter Patriot, ber