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Nr. 190.

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Dienstag, den 15. August 19u5.

Gie ßener

___________14, Jahrgang ^"^^â^"ESpret» : abgehalt monatlich 60 Pfg., in# Han» gebraut 60 Psg., durch die Post bezogen vierteljLhrl. Mk. 1.50. »tatiebeilegex : Oberhesfische F-miNe-zett«»« (tägli« unb die Giehe««r Seifenblasen (wöchentlich).

®a« Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittag«.

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(Gießener Tagevtntt)

Unabhängige Hageszeitung

(Gießener Zeitung)

mr Lberhcssen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalastzeiger für Gietzm und Umaebima Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grosch. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberbellen. ---- ^«

xltccg oder yrieden?

Seit vierzehn Tagen sind die Bevollmächtigten Japans imb Rußlands auf amerikanischem Boden beisammen, um über die Bedingungen des Friedens zu beraten, und schon niei r als einmal war davon die, Rede, daß die Verhand- lunaen abgebrochen werden, die Delegierten unverrichteter Dinge in die Heimat zurückkehren sollten. Zwischendurch gab es wieder Tage, an denen man mit besserem Zutrauen von i m Gelingen des Friedenswerkes sprach. Rechte Zu­versicht aber wollte niemals auffommen. Die Hoffnung war nicht frei von bangen Zweifeln.

^ eine gedrückte Stimmung vorherrschte, hatte mannigiache Gründe, die auch von schwerem Gewicht waren. Von vornherein waren die Bevollinächtigten in einer schiefen ikige Wenn sonst Friedeusdelegierte zusammenkommen, w ist es eine der streitenden Parteien, die die Zusammen­kunft verlangt hat. Der Unterlegene bittet den Sieger um Frieden und bemüht sich selten mit Erfolg, mög« liehst gelinde Bedingungen zu erlangen. Es geschieht wohl auch, daß beide Teile,des langen Haders müde", gleich­zeitig den Wunsch haben, möglichst schnell den Rückweg zum Frieden zu finden, und ihre klügsten Männer beauftragen, diesen Rückweg mit Eifer zu suchen. Der Wille 311m Frie­den ist dann unter allen Umständen vorhanden, bei dem Sieger wie bei dem Besiegten und bei den Kriegsmüden. Hier aber hat ein Dritter die Friedenskonferenz vermittelt und beinahe ausgezwungen. Der Vermittler war von keiner Seite angerufen worden, er hat sich im Gegenteil sozusigen ausgedrängt. Das geschah in bester, menschenfreundliclg'ier Absicl.t, aus reiner Siebe zum Frieden. Doch die Nächst- beteiligten hörten nur widerwillig auf den freundlichen Rat. Präsident Roosevelt durfte nicht geradezu vor den Kopf gestoßen werden. Auch verpflichtete die Beschickung der Friedenskonferenz anscheinend zu nichts. Akan konnte immerhin hören, was der andere sagen würde, und hatte dann Zeit, sich zurückzuziehen. Die Russen konnten es tun. indem sie die Forderungen der Japaner für übertrieben und gar keiner Erörterung fähig erklärten; die Javaner konnten es tun, indem sie dasselbe von den russischen Gegen­vorschlägen sagten, aus denen hervorginge, das; die Russen zur rechten Erkenntnis ihrer Lage noch nicht gekommen seien unb erst dahin gebracht werden müßten. Zum min­desten die Möglichkeit war vorhanden, daß die Japaner bem Präsidenten Roosevelt in Höflichkeit dankten, während sie im Herzen den Stören stieb verwünschten, der sie hindern möchte, die Siegerlaufbahn bis zu Ende zu gehen, die Ar­mee des Generals Lenewitsch zu zerschmettern, Wladiwostok einzunehmen, kurz, die' Russen völlig zu Boden zu ringen. Genau so mögtid) war es, daß die Russen es als eine pein­liche Zumutung empfanden, sie sollten um der schönen Atigen des Präsidenten Roosevelt willen und aus Rücksicht mif seine übel angebrachte Sentimentalität, die weder den Spaniern noch den Philippinos gegenüber sich regte, aus ben Versuch verzichten, die unzweifelhaft erlittenen Schlap­pen wieder anszugleichen, die unerschöpften westlichen Kräfte nochmals gegen das bis zur Atemlosigkeit ausge­pumpte Japan zu führen, den Zauderer Lenewitsch zu einem zweiten Kutusow werden zu sehen. Nur äußere Notwen­digkeit also, nicht innerer Zwang hatte die Friedensdelegier ten zusammengeführt, die überdies in um so schlimmerer Sage Wiucn, als das Maß ihrer persönlichen Verantwort- Hdjfeif gerade deshalb ins Ungeheuerliche wachsen mußte well ihrem Belieben und freien Ermessen so weiter Spiel­raum gegeben war. Konnte der eine Teil den Frieden dik- ueren, war der andere Teil in der Notwendigkeit, sich den Frieden diktieren zu lassen, so hatten die Delegierten leiste <Urbcit. Hier aber hatten big Bevollmächtigten durch das eigene Urteil die Grenzen zu bestimmen, innerhalb deren iie sich halten wollten. Mochte ihnen auch gestattet oder so- nar borge, dineben fein, vor dem endgültigen Adsclüun nack oiL/^'r iW berichten und von dort aus die Eutscheid mm S^s ' arrr*c ^ ^ ihnen die @mbfebhmg der Au ' J e .Ablehnung der gegnerischen Vorschläge im eim ^^H- Sie mußten sich sagen, daß ihre Sa^T9 !"r oder wider ben Ausschlag geben werde 1 wt wohl nicht formal, doch tatsächlich die Ent- m g.selbst in ihre Hände geleert sei. Die Kriegsarbeit nLnp;rY.T « ^s^swn nicht völlig getan, es liegt fein Merk vor, und darunter haben die Diplo- s zw leiden, benen man anünnt. einen Friedensvertrag r? Spille zu bringen, der nicht den wirklichen Verhält- t^^ern den Hoffnungen beider kriegführenden Teile entspricht.

Das ist eine unerfüllbare Aufgabe. Es ist ganz begreif­lich und sogar selbstverständlich, daß bei bem Versuch der Lösung sich bald .^offnimaölofiafeit _ cimtcitte, abwechselnd der eine und der andere Teil die Fortsetzung der vergeblichen Beratungen und Verhandlungen verweig'^te.

Das Ende der Konferenz, das im Abbruch der Verein­barungsversuche bestand, hätte auch unweigerlich kommen müssen, wenn den Friedensdelegierten nicht ein besonderer Umstand zu Hilfe kam, der die ganze Basis ihrer Arbeit ver­schob, ihren Bemühungen ziurächst eine Erfolgs Möglich­keit zeigte, und endlich die Vertreter beider Teile zwang, den Frieden unbedingt zu wollen, den Frieden auf jeden

Fall, den Frieden um jeden Preis! Präsident Roosevelt ist ein guter Psychologe gewesen, ein seelenkundiger Mann wenn er das vorausgesehen hat, und ein glückliches Workzeuo der Vorsehung, wenn er unbewußt herbeigeführt hat was inzwischen geschehen ist. Obwohl der Beginn der Friedens­verhandlungen in Amerika nicht durch die Vereinbarung eines Wasfenstillstandes eingeleitet worden ist, hat doch dic bloße Tatsache bclr begonnenen Friedenserörterungen aus­gereicht, einen Friedenswunsch zu schaffen, der von Tag zu Tage mächtiger geworden ist und jetzt solche Stärke gewonnen hat, daß er selbst dem Widerwilligen sich aufzwingt. Riiß- land und Japan können gar nicht mehr anders, als zum F-riedensentschluß und zum Friedensschluß kommen. Die Verantwortung der Bevollmächtigten und ihfre Auftraggeber wäre unerträglich schwer, wollten sie um Geldeswillen aber­mals Zehntausende und Hunderttausende dem Tode weihen, mosTfcn sie über Landfragen nicht zu einer Verständigung kommen, bie das Ende des Krieges Russen wie Japanern ermöglicht.

Witte und Komuira werden noch manchesmal mit dem

' der Verhandlungen drohen, weil der Japaner Un­erfüllbares verlangt, weil der Russe billigen Forderungen licht nachgeben mag. Es wird aber nicht zum Abbruch form neu. Die Verhandlungen werden noch Wochen und Wochen dauern, aber zum Frieden werden sie führen. Denn db Fortwt'"^ des Krieges ist durch den Beginn der Friedens üerbanblungen zur Unmöglichkeit geworden.

Die norwegische Volksabstimmung.

Mit 292 300 Bejahungen hat das Volk von Norwegen in Urabstimmung das Verhalten des Storthing gebilligt, die Auflösung der schwedisch-norwegischen Union gutgeheißen, die neunzig Jahre lang in Geltung gewesen ist. Nur 136 Norweger haben sich für die Erhaltung der Union erklärt, noch nicht einer unter zweitausend stimmberechtigten Männern!

Dieses Zahlenverhältnis ist ein ummderleglicher Beweis und ein Zeugnis zugleich. Es beweist, daß das norwegische Volk mit aller Kraft sich aus der schwedischen Umftriäung herausgesehnt hat, und daß es damit im vollen Rechte war. Nicht bloß weil eine so erstaunliche Einhelligkeit der Volks­überzeugung nicht auch trüglid) sein könnte. Selbst die po­pulärsten Strömungen können durch Irreleitung hervor- gerufen sein. Aber die natürliche Neigung zur Erhaltung des bestehenden Zustandes so völlig zu unterdrücken, wie hier geschehen, dafür gibt es keine andere Erklärung, als daß eine verärgernde, verbitternde, aufreizende, das ganze Ge­müt empörende dauern.de Mißregierung voraufgegangen sein muß ^Hnb nicht den König Oskar trifft die Schuld. Denn das Storthing, mit bem sich das norwegische Volk soli­darisch erklärt hat, ist selbst in dem Augenblick der Trennung nicht so ungerecht gewesen, die Wohlmeinung und Aufrichtig­keit des Königs zu verkennen. Es dürfte ohne Gleichen sein, daß eine Volksvertretung in bem Augenblick, da sie sich von einem König trennte, diesen König bat, einen jüngeren Prin­zen seines Hauses zum König zu machen. Darin spricht sich Liebe und Vertrauen aus, die unabhängig sind von der Er­kenntnis der Trennungsnotwendigkeit. Darin spricht fid) ferner aus, daß das norwegische Storthing alle Schuld an der zur Trennung der Union führenden Politik nicht dem König Oskar, sondern der ungeschickten schwedischen Regie­rung beimaß. Und die schwedische Regierung hat dafür ge­sorgt, daß für die Richtigkeit dieses Urteils geschichtlich fest­stehendes, unerschütterliches Zeugnis abgelegt wurde. Sie konnte ihre Blindheit gegenüber den Wünschen und 9?eigun= gen der norluegischen Bevölkerung gar nicht deutlicher dar­tun, als indem sie verlangte, daß eine Volksabstimmung das gegen die Beibehaltung der Union gerichtete Votum des norwegischen Storthing erst ausdrücklich bestätige. Wenn der Storthing das nicht aus freien Stücken tat, die schwe­dische Regierung hatte doch kein Interesse daran, vor aller Welt zu konstatieren, daß .ganz Norwegen, daß alle Nor­weger bis in die entlegenste Ansiedelung hinein, keinen innigeren Wunsch hatten als den, der Gemeinschaft mit Schtoeden ledig zu sein. Einen König wollten die Norweger aus dem schwedischen Königshaus haben aber von bet schwedischen Negierung wandten sie sich mit Abscheu und beinahe mit Haß ab. Nach neunzigjähriger Unionsdauer ist das kein sehr stolzes Ergebnis.

Dre beiden Völker müssen einander in der Tat nicht verstanden haben. Ihre Anschauungen und Gewöhnungen gingen wohl zu weit auseinander. Die Norweger sind De­mokraten. Sie haben den Adel ^bgcfdjafft nicht bloß auf dem Papier, wie weiland die erste französische Republik, sondern in ernsthafter Wirklichkeit. Es gibt keinen nor­wegischen Adel mehr. In Norwegen herrscht der Bauer, und seine Herrschaft ist unangefochten. In Schweden bat eine stolze Aristokratie immer großen Einfluß ausgeübt, manchmal allzu großen und verhängnisvollen. Die schwe­dische aristokratische Diplomatie und das norwegische Bauerntum konnten nicht zusammenkommen, nicht einmal in untergeordneten Fragen, wie die Konsulatsfrage trat, die zur Trennung führte. Der norwegische Bauer blieb mißtrauisch. Er wollte von Schweden los. Daber war

unangenehm'6 D^'m^M mit denIntellektuellen" direkt ' m?GL Bauer liebte die literarischen Lärm- diese berühmte Schriftsteller waren. 'Staft^ sind nicht notwendig kluge tarnst ^.nen die Tugend der Schloeig-

Beruf macht ne plauderhaft. Biörnstjcrne ^alb bei den bäuerischen Politikern in ublem^Ansehen, und als er nach dem entscheidenden Schritt ^S^rthmg an den Präsidenten Michaelsen telegra­phierte.xscht 'ü es Zeit, zusammenzuhalten", bekam er dic grobe aber ehrliche Antwort:Jetzt ist es Zeit, das Mau! zu halteil!"

Die norwegischen Bauern haben ausgezeichnet bcrstam Den,das Maul zu halten". Es war eine merkwürdige Ungeschicklichkeit der schwedischen Regierung, die Wortkargen zu dem vernichtenden einiMygen Protest zu zwingen.

Politische Rundschau.

Deutsches Räch,

* Bei den Friedensverhandlungen in Portsmouth kam der russische Minister Witte anläßlich eines Interviews aucy aus Deutschland und sein Verhältnis zu Rußland zu sprechen, ^r sagte, die Freundschaft Rußlands zu Deutschland we^de lern Hmdenns bilden für eine Annäherung Rußlands an England. Voraussetzung wäre, daß diese Annähening nicht gegen das beiden befreundete Deutschland gerichtet wäre.

* In Kassel hat Kaiser Wilhelm die amerikanischen Pro­fessoren Burgeß und Butler-Murray einpfangen, mit denen er fid) über den Austausch deutscher und amerikanischer Pro­fessoren unterhielt. Der Kaiser äußerte sich im Einver­ständnis mit den amerikanischen Gelehrten dahin, es sei zweckmäßig, nur solche Professoren zu verwenden, welche die beiderseitigen Sprachen genügend beherrschen, um dozieren zu können. Kultusminister Studt wird in den nächsten Tagen in Kassel eintrefen, um endgültige Abmachungen zu treffen.

* Mit der Fleischtenerung beschäftigte sich eine General- versammlung der Fleischerinnung in Königshütte. Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der die von der Regierung getroffenen Maßnahmen nicht für ausreichend erklärt werden. Der erste Bürgermeister Stolle teilte mit, eine Kommission der Interessierten van sieben Schlacht- Hausgemeinden habe eine Audienz beim Ministerpräsidenten nachgesucht, aber noch keinen Bescheid erhalten. In Aachen und Weißensee haben ebenfalls Kundgebungen zugunsten auskömmlicher Vorsorge zur Abstellung der Teuerung stallgefunden. In Chemnitz kündigen die Fleischer eine abermalige Erhöhung der Preise an, in Emden sind die Schweinepreise wieder um 15 Prozent gestiegen.

* Eine Novelle zur preußischen Städtcordnung plant die Regierung. Es sollen einheitliche Bestimmungen über bie Befugnisse der Stadtverordnetenversammlungen zwecks Vec- wendung des städtischen Vermögens getroffen werden, um den bisher öfters entstehenden Streitigkeiten in dieser Rich­tung den Boden zu entziehen.

* In Kiel fand der 31. Abgeordnetentag des Deutschen Kriegerbundes statt, verbunden mit der vierten Tagung des Preußischen Landeskriegerverbandes. Der Deutsche Urieger« Hund beschäftigte sich mit reformierenden Beschlüssen zur finanziellen Lage und zu der Organisation der Krieger- Waisenhäuser. Der Verwaltungsbeikrag wuirde von zwei auf vier Pfennig pro Kopf unb Jahr erhöht. Der preußische Landeskriegertag behandelte die Reform des Unterstützungs- Wesens und die Eingliederung der Sanitätskolonnen in die Organisation des Roten Kreuzes.

Oesterreich-Ungarn

** Der ungarische Ministerrat beschloß, gegen solche Ko- Uikatsbehörden, welche die freiwillig eingezahlten Steuern nicht der Staatskasse zuführten, mit aller geWwii Strenge vorzugehen. Beamte, die sich in dieser Beziehung vergehen, sollen rücksichtslos ihrer Stellungen enthüben

morden.

ngland<

** Aus Petersburg kommt die Nachricht von britischen Umtrieben an der Grenze von Persien. Die russische Hör- kunft der Meldungen macht sie allerdings etwas verdächtig. Die Engländer sollen beabsichtigen, die strategisch wichtigen Punkte Laodis, Dusab und Mirchiwa an der Grenze sioijwn Werften und Belutschistan zu besetzen. Mirchiwa war ichon einmal in englischem Besitz, mutzte -cher an Persien zurück, gegeben werden. Der deutsche Photograph Franz> Lo,el ivar wegen angeblicher Spionage in Haft. Er tollte di Batterieanlaqen in Sheernetz aufgenommen haben. ^ctzt ist bie Einstellung des Verfahrens beschlossen worden.

Spanien,

31t ernsten Bedenkan gibt die überhandnehnmidc Hungersnot Anlaß. Me Behörden sind inachtlos^en Ver- -weist ,nqstaten der Landarbeiter gege.iüber Diese be- £';"" nm nachts der Säiafberden lind schlachten die " m um s ch Nahrmig zu verschaffen. Der Ackerbaummistei erst ärte ein Kredit von zwölf Millionen werde nicht aus- reichen um die dringlichsten Bedürfnisse zu decken unb die