Kasseler Neueste Nachrichtm
Hessische Abendzeitung
Kasseler Abendzeitung
18. Jahrgang
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
Mittwoch, 11. April 192°
Nummer 85.
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.
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Mussolini fängt Öen Balkan ein.
Das Spiel beginnt.
Wahlpräludien. — Kühler in Rom.
Ostersrieden. und Osterfreuden sind ungetrübt unter strahlenden Sonnenhimmeln und in den ersten vollen Akkorden der Frühlingssympho- nie verweht. Die Parteien und Wahlherolde haben ihr Wort gehalten. Und außer kleinen Krawallen jugendlicher Kommunistenhitzköpfe in Chemnitz hat kein Mitzton den Osterjrieden gestört, kein Hader und keine Polemik. Es wurde verdeutlicht, daß cs in Deutschland auch Dinge gibt, die man höher werten möchte; so die innere Einkehr und Selbstbesinnung. Der Burg- sriedc ist jetzt vorüber. Vor dem deutschen Volk liegt eine ernste Zeit ernster und schwerwiegender Entscheidungen. Der Wahlkampf, der schon während der letzten Phase des nunmehr aufgelösten Reichstages'einsetzre, hat jetzt ein freies und offenes Gefechtsfeld erhalten. Alle Parteien haben ihr Wahlprogramm ausgestellt, die Richtlinien festgetegt, die geeignetsten und zugkräftigsten Parolen gefunden, alle Parteien haben die Stärke aber auch die Schwächen des Gegners erkannt, sie haben ihre Feldzugspläne und strategischen Vormarschlinien ausgezeichnet und somit alles vorbereitet, um in der Schlacht bestehen zu können Diese Schlacht wird sieben Wochen lang dauern. Sieben Wochen lang wird das deutsche Volk Tag für Tag zu hören bekommen, wie fchlecht es geführt worden ist, wie stark jede einzelne Partei Schindluder mit den Interessen des Volkes gertieben hat, aber auch wie gut cs ihm gehen wird, welch schöner Zukunft es entgegeneilen kann, wenn cs den Zielen und Richtlinien folgt, die gerade die Partei, die all dies zu erzählen weiß, als die einzig richtigen und zweckdienlichen befunden hat.
' Zum Glück haben die letzten zehn Jahre dem deutschen Bürger einen guten politischen Schulunterricht gegeben. So wird er auch schließlich in der Lage sein, aus dem Wust der vielen Wahlprogramme und Parolen sich ein klares Bild über die Notwendigkeiten des Tages zu machen. So wird er feststcllen können, daß die Reichsparlamente des letzten Jahrzehnts neben viel Gutem und Zweckdienlichen auch recht Vieles versäumt haben, was unbedingt hätte getan werden müssen. Endlich wird er sich aber auch sagen müssen, daß die wenig günstige Gestaltung unserer Innen- und Außenpolitik weniger aus einer Unzulänglichkeit oder gar einer Unfähig- keit des Parlaments sich ergab, als mehr aus einer unerfreulichen Konstellation und einer Unttarheit über die Mehrheitsverchält- niffe, denen man die Unzulänglichkeiten, Fehler und mehr oder minder fadenscheinigen Kompromisse der letzten Jahre zugute halten muß.
Es wird gerade im Hinblick aus das Heranrücken der beiden groIen Probleme :der Revision des Dawes-Planes und der interalliierten Schulden notwendig sein, den ganzen moralischen Kredit Deutschlands künftig nach außen in die Wagschale zu werfen. Der Reparationsagent versucht auf seinen Besuchen bei den alliierten Mächten — zurzeit verhandelt er in Rom mit dem italienischen Finanzminister Grafen S t o l p i — einer Lösung des Problems näher zu kommen, in der richtigen Erkenntnis, daß Deutschland die für den Herbst in Frage kommende erhöhte Annuität nicht zahlen kann, ohne sich zu r u i n i e r e n. 2,5 Milliarden Goldmark zu zahlen, wäre gleichbedeutend mit finanziellen Zusammenbruch. Für wie wichtig von deutscher Seite die Schritte Parker Gilberts gehalten werden, beweist der Umstand, daß auch der deutsche Finanzminister Köhler sich in Rom für Besprechungen mit dem Reparationsagentrn zur Verfügung hält. Wenn von sogenannter „informierter* Seite in einigen Berliner Blättern zu Ostern auf die Betonung Wert gelegt wurde, daß Dr. Köhler bereits seit einiger Zeit in Rom fei und feine Reise nicht lediglich zum Zwecke von Besprechungen mit Parker Gilbtet biene, so mutet dieser übrigens ganz unnötige Verschleierungsversuch etwas kindlich an. Von allen Seiten erfolgen natürlich Kombinationen, Falschmeldungen, echte und unechte Dementis, je nach Einstellung und nach den Interessen der großen europäischen Mächte. Jeder unserer früheren Gegner fürchtet, bei einer Entlastung Deutschlands mit seinen Schulden an Amerika sitzenzubleibcn. Schon ist recht heftiger Widerspruch gegen das Auftreten des Reparationsagenten zu hören. Aus London vernimmt man Stimmen, nach denen Parker Gilbert in offiziellen und privaten Kreisen in keiner Weise ernst genommen werden soll. Es wird versichert, daß die englische und amerikanische Bankwelt eine Massenemission von deutschen Jndustrieobli- gationen, wie sie anscheinend geplant sei, glatt ablehnen würde. Tas sind aber Versicherungen, baren Jntereffen-Vcrstcck-Spicl leicht zu burch-
Der Diktator fetzt Paris matt?
Das Geheimnis von Lugano. — Ein Ost Europa-Block gegen Frankreich.
Budapest, 10. April. Aus Lugano erfährt ein Blatt: Die Verhandlungen Mussolinis mit dem griechischen und türkischen Alchenminister, sowie mit dem Grasen Bethlen bezwecken die Schaffung einer osteuropäischen Allianz gegen Frankreich und die Kleine Entente in die Wege zu testen. Dieser Allianz würden Italien, Albanien Bulgarien, Polen, die Türkei, Griechenland und Ungarn angchüren. Bulgarien sei durch die Brrmählunq von König Boris mit der italienischen Prinzessin Giovanna noch enger an Italien gebunden.
Elektrische Osterhasen.
Was hat Mussolini am Balkan vor?
Die Balkanosterhasen gleichen in diesem Jahre den elektrischen Hasen, die jetzt auch bei uns in Deutschland in Windhundrennen Verwendung finden sollen. Diese Hasen laufen die ihnen vorgezeichnete Bahn, sie sind elektrisch geladen und werden von unsichtbaren Händen auf ein bestimmtes Ziel hingelcitct. Zweifellos enthalten die letzten Wetterströmungen von Rom nach dem Balkan starke elektrische und politische Spannungen, die ganz zielbewußl eine Politik verfolgen, die sicherlich nicht dem Frieden dient. Unmittelbar vor Ostern fand eine geheime Zusammenkunft zwischen dem ungarischen Außenminister G r a s B e i b 1 e n und dem italienischen Bolkshcros Mussolini in Norditalien statt, um die man vergeblich dichte Wandschirme gestellt hatte. Man ahnt, was etwa gespielt werden soll. Mussolinis Andeutungen von einer Revision des Friedensvertrages von Tirana haben namentlich in
Südslawien revolutionierend gewirkt. Und tatsächlich hat cs den Anschein, als ob Mussolini den papternen Bindungen des Freundschaftsvertrages ein Ende bereiten will, da feine unzweideutige Politik gegen Südslawicn alles andere, denn freundschaftlich ist. Bestätigt sich die Nachricht, daß Jtcstien in der Karwoche große Mengen von K r i c g s m a t e r i a l a u s - schiffte, darunter vier Batterien großkalibriger Geschütze, so ist nicht daran zu zweifeln, daß
das albanisch-italienische Militärbündnis perfekt und Albaniens Unabhängigkeit auch durch eine geplante Zollunion endgültig erledigt ist. Jedenfalls genügt die Tatsache der Grenzsperre, die Zusammenziehung südslawischer Truppen an der albanischen Grenze und die Landung von Kriegsmaterial durch die Italiener in Durazzo, um darzutun, wie in diesem Frühjahre die italienisch-südslawische Spannung sich verschärfte. Mit steigendem Unbehagen wird auch in Belgrad wahrgenommen, daß sich der italienische Einfluß in
Bulgarien zusehends verdichtet.
Dieser Tage finden in ganz Italien die sogenannten „Tage des Brotes* statt, allgemeine faschistische Geldsammlungen, die zur Ausbreitung der italienischen Kultur auf dem Balkan verwendet werden sollen. Südslawicn ist sich bewußt, daß die Summen, die da aufgebracht werden, fast durchgehends gegen Jugoslawien Verwendung finden werden. Die elektrischen Osterhasen auf dem B.ilkan sind ins Laufen geraten.
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Argwohn in Paris.
Weil Jugoslawien eingekreist wird.
Paris, 10. April. Die linksstehenden Blätter äußern sich zu den Berhandlnngcn Muffolints mit den Balkan Vertretern, was cs für Zweck habe, wenn der Völkerbund den Vertretern jener Nationen Ratschläge der Klugheit und Mäßigung gibt, wenn sie dann nach Rom Pilgern, wo man ihre Rachsucht wieder erweckt. Ein Blatt fragt, ob Mussolini daran denke, sich den Beistand oder die Neutralität einiger Staaten zu sichern, um Jugoslavien einzukreisen. Das Ge- werkschaftsblatt spricht von gefährlichen Jntri- guen. Ein anderes Blatt meint dagegen: Gegen wen und warum stellt Jugoslavien U-Boote in den Dienst. Man kann sich nicht darüber wundern, wenn sich Italien Beistand, Freund schäften und Bündnisse schafft, was bei den Serben den Eindruck hervorhebt, daß sie eingekreist würden.
Eine traurige Oslerbnanz.
Ohne Autoopfrr geht es nicht mehr.
Paris, 10. April. (Eigener Drahtbericht.) Durch Autounfälle wurden am gestrigen Ostermontag in ganz Frankreich vier Personen getötet und 58 verletzt, davon zwölf lebensgefährlich.
Paris, 10. April. (Eigene Drahtmeldung.) In der Nähe von Paris wurden in drei Fällen Personen von Automobilen, Radfahrern und Motorradfahrern überfahren, die sofort oder nach ihrer Einlieferung in das Krankenhaus starben. Auf der Straße nach Meaux stießen zwei Automobile zusammen. Fünf Personen wurden verletzt, davon zwei schwer. In Marokko fuhr ein mit mehreren Personen besetztes Lastauto in den Straßengraben. Zwei Eingeborene wurden getötet, mehrere verletzt.
Sin Osterdroma an 6er Bahnschranke.
Klagenfurth, 10. April. Ein Personenauto durchfuhr am Ostersonntag die Bahnschranke, stieß mit einem Pcrsonenzug zusammen und wurde zertrümmert. Zwei Insassen wurden gelötet, drei schwer verletzt.
Sln böse« Andenken an Barlt.
Paris, 10. April. (Eigene Drahtmeldung.) In der Nähe von Corbeil bei Paris stieß gestern
ein Gesellschaftsauto mit achtundzwanzig eng- lischcn Ausflügerinnen gegen einen Baum, als es versuchte, einem anderen Auto anszuweichen. Sämtliche Insassen wurden verletzt, zwei lebensgefährlich.
Schretkensszenen im Äaruffei und Zirkus.
Paris, 10. April. (Eigener Drahtbericht.) Bei einem Volksfest in Paris stürzte gestern ein Karufsel infolge Ueberlaftung zusammen. Dreißig Personen wurden verletzt, davon sechs s ch w er.
Paris, 10. April. (Eigener Drahtbencht.i In Eahors in Südfrankreich brach bei einer Zirkusvorstellung eine Zuschanertribüne zusammen, wobei 12 Zuschauer z. T. schwer verletzt wurden.
Jkoch eine Ssteriobessahri.
Saarbrücken, 10. April. (Privattelegramm.) In den Vogesen erlitt das Auto des Kaufmanns Sachs Reifenschaden, fuhr gegen einen Baum und stürzte sodann einen drei Meter hohen Abhang hinunter. Eine mitfahrende Dame wurde gegen den Baum geschleudert und getötet. Die übrigen Insassen wurden nur leichter verletzt.
Wenn die Nerven durchgehen.
Panik auf dem Motorboot — Das Ostergrab im See.
Como, 10. April.
Privattelegramm.) Von
dem Bootsunglück auf dem Corner See wird heran und nahm die Schiffbrüchigen auf. Die noch bekannt: Während der Fahrt löste sich beiden Frauen und sechs junge Leute werden
das Steuer. Zwei erschreckte Frauen stürzten
»ermißt.
.... Insassen schlug .„
sank. Ein anderes Boot eilte sofort von Como
Como, 10. April, Ein mit zwanzig Ausflüg- sich in den See. Bei dem versuch einiger Postern besetztes Motorboot kenterte auf dem Co- fagiere, sie zu retten, und durch die Panik der mer See. Acht Personen werden vermißt. arfocrcn Insassen schlug das Boot um und
schauen ist. Der Pfeil ist nun einmal abgc- schnellt und wird nicht mehr auf den Bogen zu- rückzuruscn sein. In unserem Interesse liegt es uns möglichst vorsichtig zu verhalten und seinen
Flug nicht zu stören. Vor allem aber eine Regierung zu ,'chaffen. die für das Ausland vertrauenswürdig ist und hinter der die gesunde Majorität des Volkes steht.
(Strtöet wurde genug
Eine humorvolle Reichstagsbilanz.
Inventur in ... den Wandelgäugen. — 91nr S52 Gesetze und Verträge. — Hebet achtzehn Millionen Worte. — Die Lvezialisteu als Blitzableiter. Was die Präsidenten ausbalteu. — Bon der Polini abgeitihrt.
Mit der 414. Sitzung hat sich der Reichstag 1924 vom Deutschen Volke verabschiedet. Am letzten Tage sah man überall in den inneren Wanbolgängen Abgeordnete, die vor ihren dort untergebrachten kleinen Schränkchen „Inventur* machten. Was aus dem ungeheuren Wust der darin angesammclten Drucksachen wertvoll erscheint, wird herausgesucht, bas anbere einfach auf die Erde geschleudert. Auf diesem Schlacht- felde der Parlamentsarbeit haben die Reichstags-Scheuerfrauen tüchtig zu tun bekommen. Von den 4200 Drucksachen, die an dem Auge des Parlamentariers vorübergegangen sind, wird von ihnen weniger als der zehnte Teil als wichtiges Material mit nach Hause genommen worden fein. Für sehr viele, mindestens hundert Abgeordnete, hat es sehr stark auch die Bedeutung eines Andenkens; denn sie werden den Reichstag als Abgeordnete nicht Wiedersehen. Aber wenn sie auf das Gesetzeswerk zurück- schauen, an dem sie mitgewirkt haben, so können sie mindestens auf eine quantitativ gewaltige Leistung zurückblicken. Der Reichstag 1924 hat an
350 gesetzgeberische Handlungen ausgeführt. In dieser Ziffer sind auch neunzig Staats- und Handelsverträge enthalten, die ein wesentliches Stück unserer Zeitgeschichte bedeuten und unsere Wirtschaftsabwickelung im In- und Auslande auf lange Zeit mitbeftimmen. 352 Gesetze! Das ist eine Ziffer, bei der man das Gruseln lernen kann! Die Gesetze sind ja die Richtschnur unseres Lebens als Staatsbürger! Wie aber können wir uns in diesem Urwald der neuen Gesetz« zurechtfinden! Es gibt einen Trost dabei. Mehr als hundert Gesetze enthalten die Beseitigung oder wenigstens die Acnderung älterer gesetzlicher Bestimmungen. Welche Mammutleistung steckt aber an der Beratung dieser 350 Gesetze, sind doch bei den 4300 Drucksachen in zahlreichen Fällen wahre Werke, die später allein schon als zuweilen recht unhandliche Bücher heransgcgcben werden, und die man ebensogut nach Gewicht wie nach der Seitenzahl berechnen könnte! Allzu ausgiebiges Mitleid mit den »armen* Abgeordneten, die das alles geistig verarbeiten mußten, dürfen wir uns aber doch schenken. Auch im Parlament gibt es angesichts solcher Massenerzeugung natürlich Arbeitsteilung und Spezialisierung. Bei den entscheidenden Abstimmungsschlachten in der Vollsitzung schauen in unendlich vielen Fällen die Fraktionen nur nach ihrem Spezialisten, den man als Stimmführer dann in die erste Reihe des Fraktionsabschnittes im Hause setzt. Die Abgeordneten stehen dann bejahend oder verneinend auf, wenn er sich erhebt, ober rühren sich nicht vom Fleck, wenn er sitzen bleibt. Das vollzieht sich bei langen Vorlagen nahezu freiübungsmäßig. Weshalb der Stimmführer Ja sagt ober zur Verneinung eines Antrages auf« fordert, das weiß nur er allein; die anderen könnten sich darin erst nach den Sitzungsprotokollen zurechtfinden. Diese Protokolle sind wortgetreu auSgesührte, peinlich genaue Wiedergaben sämtlicher Vorgänge in den Vollsitzungen. Allerdings sind sie von den Rednern korrigiert; aber auch das nicht korrigierte Stenogramm wird aufbewahrt. Die 414 vorliegenden Protokolle
umfassen 14100 Seiten, sind also ein vielbändiges Werk. ES ist garnicht schwer, daran die annähernde Ziffer der Worte zu ermitteln, die int Reichstage von diesem selbst und den Regierungsvertretern geredet worden Md. Die Quarthefte umfassen auf jeder Seite zwei Spalten mit je 65 Zeilen zu je zehn Wörtern durchschnittlich. Bei 14100 Seiten sind also rund 18,3 Millionen Wörter im Reichstage geredet worden. Diese Unmasse geordnet jufammengefügter menschlicher Laute haben aber nur die vier Präsidenten mit angehört; wobei allerdings auf den Präsidenten Locbe selbst wohl achtzig Prozent aller Wörter ober füns^hn Millionen entfallen. Das meiste davon gebt glücklicherweise nur an den Ohren vorbei, da ja die gespannte Aufmerksamkeit der Sitzungsleiter nicht in jeder Sekunde erforderlich ist. Rur die Stenographen müssen Wort an Wort auf- zeichnen und also auch hören; aber sie lösen sich alle zehn Minuten ab. Die Präsidenten sind schon durch ihr Ehrenamt genötigt, sich an der Millionenziffer der geredeten Wörter träftig zu beteiligen. Unter anderem haben sie
504 Ordnungsrufe an die 485 Abgeordneten ausgegeben, fo daß durchschnittlich