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Kasseler Neueste Nachrichten

Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Nummer 98.

18. Jahrgang

Donnerstag, 26. April 1928

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig.

Einzelpreis: Sonntag» 20 Pfennig.

Nordjchleswig ringt um sein Leben.

3toSSÄ*n Soldftröme übers Wer.

Als kürzlich der britische Staatssekretär für ßtabien, Lord Birkenhead, mit seinem Sohn und mehreren Freunden als Gast des Golf-und LandklubS Waunsee in Potsdam weilt«, wurde von den deutschen Gastgebern betont und auch ollen Journalisten auf Anfragen geantwortet, daß die englischen Herren lediglich gekommen seien, um den vorzüglich angelegten Golfplatz bei Berlin kennen zu lernen, sich dort selbst golfspielend zu ergehen und daß sie keinerlei politische Absichten verfolgten. Tatsächlich trieb man nach außen hin auch eifrig edlen Sport, machte Ausflüge, nahm an Diners und Bällen teil und füllte so die Zeit der Muße würdig aus. Ein kleines Frühstück beim Außenminister fiel dabei weiter nicht auf. Vielleicht hätte man auch international dem Golfspiel des Lords in Berlin weiter keine be­sondere Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es nicht bekannt wäre, daß er mit Churchill im Hinblick auf Rußland seit langem Opposition macht und eine aktive antirussische Politik ver­folgt. Es kam ferner hinzu, daß in England die Frage der deutschen Einstellung zu Rußland immer eine große Rolle gespielt hat. Endlich hatten gerade vor dem Besuche Lord Birkenheads in Berlin S^suche deutscher pro­minenter Persönlichkeiten in London stattgesun- den, die zwar in aller Stille erfolgten, aber durch die Auswahl der Personen die Ver- ruutung eines bestimmten Zweckes anfkommen ließen. So war es nicht unbemerkt geblieben, baß der ehemalige Staatssekretär von Kühlmann, der in politischen und industriell len Kreisen einen großen Einfluß ausübt, in London mit englischen Politikern Rücksprache ge­nommen hatte, wobei eine Behandlung der deutsch-russischen Beziehungen in die Oeffent- l.chkeit durchgesickert waren. So verdichtete sich denn trotz aller Geheimniskrämerei das Gerücht, daß Birkenhead die Sondierung der Stimmung für ein Bündnis zwischen Frankreich, England und Geutschland betreibe, das eine Boykottierung Rußlands zum Ziele habe. Ms Gegenleistung für eine derartige Um- stellung wolle man Geutschland Erleichterungen rn der Reparationsfrage anbieten.

. Ein derartiger Plan klingt ein wenig aben- teuerltch, wenn man bedenkt, tote vorsichtig die deutsche Politik seit Rapallo Rußland gegen- über eingestellt ist-und schon infolge der geogra- phischen Lage Deutschlands auch eingestellt sein muß. Mer wenn man die Aktivität und das Draufgängertum Birkenheads kennt, die schon äußerlich in dem toettergebräunten, energischen Gesicht zum Ausdruck kommt, so wird man ihm ohne weiteres auch einen abenteuerlichen Plan zutrauen, zumal er als Privatmann nach Berlin gekommen ist und keine offizielle oder offiziöse Mlehnung eines unter der Hand gestellten Bündnisantrages zu befürchten hatte. Daß die Interessen Seiner Lordschaft doch et­was über das harmlos« Golfspiel hinausgingen, bewiesen seine eigenen Aeußerungen anläßlich einer Tischrede über die Möglichkeit d«S bereits erwähnten Bündnisses. Und wenn man sich Wet­ter daran erinnert, in welcher Weise in der Vorkriegszeit politische Sondierungen von eng. lischer Seite vorgenommen sind man denke nur an die von Bassin und Sir Ernest Cassel eingeleitete Reise HaldaneS nach Ber- l i n, um den Versuch zu machen, die für Eng- land bedrohliche Flottenpolitik deS Kat. sers zu beeinflußen wird man den politi- schen Kreisen in London nicht Unrecht geben können, die in der Golfexpedition Birkenheads eine bedeutsame Aktion gegen Rußland und vom innerpolitischen Gesichtspunkt aus g«. sehen auch einen Angriff gegen Chamber. latnS Stellung erblicken wollten. Die jüngsten Ereignisse im engl. Unterhaus schei­nen diese weittragenden Ansichten zu bestätigen, denn im Unterhaus lehnte Baldwin mit einigen nichtssagenden Redensarten die Beantwortung ter Frag», ob er ein solches gegen England ge­richtetes Bündnis befürworte, ab Dabei war der von konservativer Seite erfolgte Zwischen­ruf: .Warum sollte er das Bündnis nicht ver­treten?" immerhin recht bezeichnend.

Es ist begreiflich, daß Rußland die ganze Angelegenheit Birkenhead mit sichtlicher Ner­vosität verfolgt Deutschlands Position in diesem Spiel ist nicht ganz einfach. Unwillkür­lich wird man an die seinerzeitigen Debatten über die Berechtigung eines Rücksiche- rungsverirages zwischen Bismarck und seinen Gegnern erinnert Einerseits kann eS Deutschland nur Recht sein, daß bie russische Karte in seiner Hand an Bedeumng gewinnt,

Washington, 25. April. (Durch Funkspruch.) Wi« verlautet, wird ein Banken-Syndikat, un­ter Führung von Harris Fordes u. Co eine Anleihe von 25 Millionen Dollar zu 6 Prozent auflegen, die für die Inhaber des im Ausland beschlagnahmten deutschen Eigentums bestimmt ist. Die Mitglieder dieses Syndikats werden sich ferner an der Millionen-Tollar- Anleihe für den bayrischen Staat, der 5 Mill.- Dollar-Anleihe für die Provinz Hannover und der 15 Millionen-Dollar-Anleihe für die Ges. für elektrische Unternehmungen beteiligen.

Aot bricht Eisen.

Rordschleswig als Dtieflind Dänemarks.

Sonderburg, 25. April. Die SammlungShe- wegung in Nordschleswig macht täglich weitere Fortschritte. Die Unterschriftensammlung ver­läuft glänzend. BiS Dienstag lagen auS 67 Gemeinden 8000 Unterschriften vor. Der Füh­rer der Bewegung, Hofbesitzer Le, erklärte in einer großen öffentlichen Versammlung zur

Grenzfrage: Er wolle keinen netten Krieg zwi­schen Deutschland und seinen Nachbarstaaten in Nordschleswig. Er betone jedoch nochmals, daß Dänemark ein verarmtes Nordschleswig aus die Dauer nicht an fich fesseln könnte. Er kämpfe jetzt nicht für RordschleSwigs Wiedervereini­gung mit Deutschland, sondern für die S ch a f- sung ordentlicher Berhältnisse.

Steuerabbau in England?

Der Schatzkanzler erregt Reugier.

Berlin, 25. April. Ein Blatt bezeichnet als Hauptinhalt des Haushaltsentwurfs Churchills die Aenderung des Steuersystems mit dem Ziele, Erleichterungen zu verschaffen. Die libc- rate Presse teilt nicht ganz den Optimismus des Schatzkanzlers und meint, man könne nur hof­fen, daß die angekündigten neuen Steuern die davon betroffenen Industriezweige nicht be­lasten werden. Der Plan zur Tllgung der Schulden verdiene Anerkennung.

Amerika legt neue Millionen in Deutschland an

1928: Das Fahr der Erdkatastrophen.

Was ein Gelehrter prophezeit. Im Mai in Südeuropa Später In Westeuropa schwere Erschütterung zu erwarten.

Belgrad, 25. April. (Eig. Drahtbericht.) Der Direktor des Observatoriums in Fayence, Ben- dandy, äußerte sich, daß er bereits am 7. April das Erdbeben vorausgesagt hatte, daS fich in Bulgarien u. Griechenland ereignete. Schwere Erschütterungen seien noch zwischen dem 4. und 5. Mai zu erwarten. iSe würden gleichzeitig in ien Anden in Südeuropa, im ägäischen und onischen Meer fich ereignen, denen bald wieder leichte Erdbeben in Bulgarien und dann später auch in China folgen würden. Dann würde fich bie Aktivität der Erdstöße nach Westeuropa, nach Griechenland und Italien wenden. Arn 25. Mai werde noch in den Alpe» und am 28. Mai in Kleinasten ein kleineres Erdebeben fich ereignen.

* *

Das letzte Haus in Rorinth.

Rur die Altertümer fast unbeschädigt.

Athen, 25. April. Heber die Erdbebenkata­strophe in Korinth wird weiter berichtet, daß in der ganzen Stadt nur ein einziges Haus stehen geblieben ist, nämlich das Bürogebäude einer amerikanischen RShmaschinengesellschaft. Eine Statue fei beschädigt, wertvolle Basen und M- tertihtter seien zerstört. Der Apollo-Tempel habe

dagegen wenig gelitten. (Weitere Einzelheiten über die Erdkatastrophe enthält die 1. Seite der 2. Beilage der .Kasseler Neuesten Nachrichten".

Erfrorene Saaten.

Seit dreißig Jahren der härteste Winter.

Bromberg, 25. April. Die Landwirtschaft in Pomerellen hat infolge der letzten Kältewelle, die mit heftigem Schneesturm verbunden war, durch Erfrieren der Saaten großen Schaden erlitten Die Felder müssen teilweise noch einmal umge­pflügt werden. Seit dreißig Jahren ist kein so strenger und später Winter mehr erlebt worden.

O

eint Negenkaiastropfte in Australien.

London, 25. April. (Eigene Drahtmeldung i Große Ueberfchwemmungen werden aus Queensland gemeldet. Von den Bewohnern deS Dorfes Dawfon fehlt seit zwei Tagen jede Mitteilung. Sieben Personen find ertrunken. Die Zahl der Opfer dürste jedoch wesentlich höher sein. In den letzten Tagen ist etwa ein Meter Regen gefallen.

70000 Menschen verhungern.

Sintere Mißernte in Indien. Die Landwirte können nichts kaufen. Niemand kann helfen.

London, 25. April. (Eigene Drabimeldung.) > Rach Meldungen aus Kalkutta find in Bengalen infolge einer schweren Mißernte siebzig tausend Menschen von einer Hungersnot bedroht. Zwanzigtausend Weber find wegen der v e r -1

"Äderten Kaufkraft der Landwirte außerstand«, ihre Erzeugnisse abzusetzen. Die Ottsbehörden find nicht in der Sage, den Not­leidenden auch nur die dringendste Hilfe zuteil werden zu lassen.

Fliegt öleBremen" heute?

Völlig startbereit. Ersatzteile aus Deutschland.

Newyori. 25. April. Ein auS Quebec eiuge- troffencr Preffephotograph berichtet, daß die Bremen" iu völlig ausgebessertem Zustand auf dem EiSseld abflugbereit liege. Man glaubt, daß dieSternen" bei gutem Wetter heute oder morgen abfliegen wird.

Paris, 25. April. (Gig. Drahtbericht.) Die fir das FlugzeugBremen" aus Deutschland gesandten Ersatz stücke find gestern abend per Dampfer von Cherbourg abgegangen.

<8in Fliegervenkmai auf ©retnig Island.

Quebec, 25. April. (Durch Funkspruch.) Auf Greenly Island wird zur Erinnerung an Vic erste Ozean-lleberguerung nach Westen ein Ge denkstein errichtet werden. Er wird aus eine einfachen Labradorfelsstück bestehen, das die Ra

men der Flieger und einen Bericht über ihre Leistung tragen wird.

Wie Kdyi fich hilft,

Rewyork, 25. April. (Durch Funkspruch.) Be­vor das HUfsflugzeug mit Schiller, Fitnnaurice, Balcher ung dem Junkers-Mechaniker Aöppcn auf Greenly Island eingetroffen war, hatte Köhl mit Hilfe der Eingeborenen einen etwa fünfzig Meter langen Abzugskanal geschaffen, durch den das Wasser an der Landungsstelle abflietzen konnte. Dann wurde die Bremen zum Start­platz hinunter geschleppt. Die Schäden wurden sehr schnell ausgebessert. Köppen brachte den Propeller wieder in Ordnung, nachdem er chn etwa 15 Minuten lang mit einem Hammer be­arbeitet hatte.

andererseits wäre das Aufqeben einer vorsichti­gen Haltung außerordentlich bedenklich Bor allem würde ei daher unangenehme Kon­sequenzen nach sich ziehen, wenn Deutsch­

land in den Geruch eines unehrlichen Spiele- geriete. Aus einer Golspaitie mit einem Pri­vatmann darf auf keinen Fall ein gewagte- in­ternationales Spiel werden.

Beschuldigte Richter.

Bor dem großen Dis-iPlinargerichtShof.

Berlin, 25. April. Ja der gestern eröffneten ersten öffentlichen Diszigplinarverhandlung ge­gen preußische Richter, in der geklärt werden soll, ob die Magdeburger Richter Kölling und Hoffmann im Mordversahren gegen den zu Unrecht beschuldigten Fabrikbesitzer HaaS in Magdeburg (Mordprozeß Schröder) diszipli­narische Verfehlungen begangen haben, waren die Beschuldigten in erster Instanz mit Straf­versetzung in ein anderes Amt bezw. mit einem Verweis bestraft worden. Gestern wurde ihnen zunächst zur Last gelegt, in der Presse nicht er» weislich wahre Vorwürfe gegen andere Beamte unb Behörden erhoben und den Behördenstreit in der Mordsache erneut in die Oeffentlichkeit getragen sowie die Pflicht der Amtsverschwie­genheit verletzt zu haben. Kölling habe nach Entdeckung der Leiche des Buchhalters Helling nicht sofrt auf Schröder die Untersuchung we­gen Mordes ausgedehnt, über die Ausgrabung der Leiche kein Protokoll führen lassen und kei­nen Gerichtsarzt hinzugezogen. Hosfmana habe Kölling beratend beeinflußt n. der Anordnung deS Landgerichtspräsidcnten zuwidergehandelt.

Hoffmann habe auch den Berliner Kri« minalkommisfar Bußdorf abgelehnt, obgleich dieser erklärte, daß der Polizeipräsident und der Oberpräsident ihm gegenüber ihre lieberzeugung dahin ausgesprochen hätten, daß der Verdacht gegen HaaS unbegründet fei. Es fei allerdings

menschlich verständlich, baß der ungeheuerlich« Verdacht gegen HaaS ausgesprochen wurde. Da daS unglückliche Ver- halten der Polizeibehörden KöllingS Verdacht großgezogen hätte, sei eS erklärlich daß dieser nicht den rechten Abstand von der Sach« sand. Bußdorf halbe sich selbst die Rechte ange» maßt, die das Gesetz dem Untersuchungsrich­ter gebe. Er habe einen groben Vertrauensbruch begangen und schwere bewußte Verstöße gegen die Strafprozetzordnung. DaS Verhalren deS Oberpräfidenien Hörsing wird als auffällig bezeichnet Nur infolge eines weitgehenden EiiwerständnisseS zwischen Hörftng und B u s d o r f hätte Busdorf seine ungeheuerli­chen Gesetzesverletzungen wagen dürfen. Kölling erklärte u. a, er habe ganz allein gegen eine Welt von Feinden gestanden. Auf die Fragen deS Vorsitzenden, ob Kölling nach bent Urteil des Schwurgerichts gegen Schröder immer noch mit einer Schuld von Haas rechnet, verweigerte Kölling die Antwort. Degegen erklärte Hoff­mann, daß er mit der Möglichkeit einer Schuld des Haas noch immer rechne, da die Untersu- chnng dem Untersuchungsrichter aus der Hand genommen und feftgelegt worden fei. *

Wahlparolen von links.

Preußens Regierungschef gegen Keudell.

Königsberg, 25. April. In einer Wahlrede wandte sich der preußifche Ministerpräsident r a u n zunächst gegen die Splitterparteien, kritisierte bann die Bürgerblockregierung und betonte gegenüber der Kritik, in Preußen sei eigentlich nichts geleistet worden, die Preußische Regierung brauche das Urteil Les Volkes nicht zu scheuen, was auch der Rechenschaftsbericht Hirtsiefers bestätigte. Der Minister polemisierte dann gegen die Deutschnationalen, deren Zwei­deutigkeit daran schuld sei, daß in der Außen­politik nichts erreicht werden kann. Das ein- zige Hilfsmittel für die Landwirtschaft, nämlich die Steigerung der Produktion, hätten te bet preußischen Regierung überlassen, die auf die Verstärkung der Förderung auch bas Hauptgewicht lege. Sie hätten mit dem Land­bund nicht auf die erforderliche Rationalisier rang, sondern auf Politisierung der Landwirt« chaft hingewirkt. Der Beamte könne heute im Gegensatz zu früher

offen feine politifche Meinung vertreten. Das Rotfrontverbot KeudellS gehe über alles, was man je vom Reichsinnenmini- ler erlebt habe. Es gehe auf der rechten Seite ähnliche Crganifctionen, die mindestens eben­soviel auf dem Kerbholz hätten wie die extrem lenken. Beim Schulgesetz habe sich die schlimmste Direktionslosigkeit der Bürgerblockregierung ge­zeigt. Die Deutsche Volkspartei wolle mit allen Wiederausbauparteien zusammengehen. Wir werden sehen, sagte Braun, ob die anderen für diese Politik nach der Wahl die Deutsche Volkspartei noch brauchen werden. Der Redner begründete bann die Ablehnung des Panzerkreuzers mit dessen militärischer Wertlosigkeit und dem Hinweis daraus, daß daz neue Deutschland eine Politik der Verständi­gung zu treiben habe unb schloß mit dem Par«