Kasseler Neueste Nachrichten
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Kasseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
Nummer 150.
Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig
Mittwoch, 27. Juni 1928.
Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.
18. Jahrgang
Heute Abend ein fertiges Kabinett.
Nie wieder Krieg?
i_ Kelloggs Kandare für Europa.
Gleich nach Ueberreichung der jüngsten Anti- kriegspaktnote Kolleggs hat der sehr ehrenwerte Führer des englischen Kriegskabinetts Lloyd Ge- • orge von einer englischen Kanzel herab das Christentum gegen den Kriegsächtungspakt ausgespielt. Ersteres wäre allein imstande, einen neuenWeltkrieg zu verhindern. Ueber das Vorhandensein dieser Voraussetzungen wollen wir uns mit Lloyd George nicht auseinandersetzen. Der amerikanische Staatssekretär Kellogg ist offenbar anderer Ansicht. Denn er hält in seiner zweiten Note nicht nur an seinen Grundsätzen fest, sondern sucht auch den Einwänden namentlich Frankreichs sehr weit entgegenzukommen. Das Weiße Haus hält jedenfalls die Zeit für gekommen, einen offenen Verzicht auf den Krieg als Werkzeug nationaler Politik aus- zusprechen. Der Anklang, den die amerikanische Anregung in der Welt fand, veranlaßt Wafhing- ton sodann, alle Rationen der Welt einzuladen, dem Kriegsächtungspakt beizutreten. Von besonderer Bedeutung ist die Bestimmung,, daß jede Macht, die danach strebt, ihre nationalen Interessen dadurch zu fördern, daß sie zum Krieg schreitet, dadurch der Vorteile verlustig erklärt wird, die dieser Vertrag gewährt.
Diese Bestimmung des zweiten Abschnittes der Präambel enthält die „Strafe" für den Bruch des feierlichen Versprechens der Kriegsächtung. Wie man unsckwer erkennt, liegt gerade in dieser Bestimmung die Achillesferse des ganzen Paktes. Der Krieg wird durch den ersten Artikel des Vertrages feierlich verurteilt und für ein Verbrechen erklärt. Wenn aber trotzdem eine der Vertragsmächte dieses Verbrechen begeht, was dann? Dann soll diese Macht der Vorteile des Vertrages beraubt werden. Das ist alles. Wir unterschätzen gewiß nicht die suggestive Kraft des Friedens und die rein moralt,chen internationalen Auswirkungen für die Großmacht, die trotz Kriegsächtungspakt den Frieden bricht und einen neuen Krieg heraufbeschwört. Das kann aber nicht verhindern, daß der Kelloggsche Paktvorschlag für das Begehen des Kriegsverbrechens keine wirkliche Strafe vorsieht und keinen internationalen Apparat schafft, der den Strafvollzug übernehmen würde. Das völlige Fehlen derartiger Bestimmungen macht auch den Kelloggschen Vertrag zu einem mehr oder minder platonifchen Vertragswerk, dem die wünschenswerte Durchschlagskraft fehlt, wenn es auch vielleicht ein verheißungsvoller Anfang ist.
In der Tat! Er ist ein Anfang. Das zeigt sehr deutlich die Begleitnote, die die Vorbehalt der Selbstverteidigung anerkennt, es aber ablehnt, ihn in den Vertrag aufzunehmen, da es für einen Skrupellosen nur zu leicht wäre, den Dingen eine solche Gestalt zu geben, daß sie mit der Begriffsbestimmung eine» Selbstverteidigungskrieges in Einklang stünden Völlig überzeugend wirken die Ausführungen KelloggS über die Mitgliedschaft des Völkerbundes und die Locarnoverträge, durch die alle Bedenken der Franzosen beseitigt werden. Pikant sind feine Bemerkungen auf den Einwand Frankreichs, daß es vertragliche Verpflichtungen zum Schutz der Neutralität gewisser Staaten habe: Durch ihren Beitritt würden diese Staaten ihre Mutralität doppelt sichern und Frankreich hätte, außer einer Art Rückversicherung für feine Verpflichtungen, außerdem immer noch freie Hand im Falle eines Vertragsbruchs eines der Signatarmächte. Mit Spannung erwartet man Briands Antwort, die zeigen muß. ob die Verträge Frankreichs mit feinen Verbündeten in Europa dem Geiste und dem Wortlaut der VSl- kerbundssatzunaen entsprechen, oder ob sie, wie selbst in Frankreich angenommen wird, Bestim- mungen enthalten, die damit unvereinbar find. Ohnehin wurde in diplomatischen Kreisen nahezu attaemetn angenommen, daß diese San- derverträae Frankreichs mit seinen Verbünde- ten die Hauptursache und den eigentlichen Grund für Frankreichs Bedenken darstellen, während die übrigen Gründe vornehmlich als Vorwände betrachtet werden. Sckon jetzt läßt sich aus den KrieasSchtungsschmerzen in Paris und an der Themse schließen, daß die Papiere dort nicht rein find, und man sich nur widerwillig die nnbeguenme Kandare Amerikas anlegen läßt. Aber Kellog drängt zum Haren Bekenntnis und »in- Eile. Uifb so dürfte dann auch diese nette Friedens- pille den Siegern von Versailles, wenn auch unter einigen Schluckbeschwerden eingeben um . . vielleicht schon narfi einigen Monaten spurlos.».,verdaut zu sein.
Sie haben es doch geschafft!
Heute endlich ein Kabinett. — Die Ministerliste erst morgen. — Montag Regierungserklärung. Die Feuerprobe erst im Herbst.
Berlin, 26. Juni. Einem Linksblatt zufolge rechnete man gestern damit, daß das Kabinett Heute fertig werden könnte, sodaß die Ernennung des Reichskanzlers und der Minister etwa für Mittwoch zu erwarten wäre. Das neue Kabinett wird dann Ende der Woche sich über die Regierungserklärung und die zunächst einzubringenden Vorlagen schlüssig werden. Wegen des katholischen Feiertags am Freitag wird sich die neue Regierung erst am Montag, den 2. Juli, dem Reichstag vorftellen, der nach einer nicht allzulangcn Hochsommcrtagung in die Ferie-' gehen wird. Die entscheidenden Proben seiner Lebens- und Arbeitsfähigkeit wird das neue Kabinett wohl erst im kommenden Herbst und Winter abzulegen haben.
Auf -er*Minifterliste.
Aenderungen kaum wahrscheinlich.
Berlin, 26. Juni. (Eig Informationsdienst) Nachdem Außenminister Dr. Stresemann gestern seine Zusage für ein Kabinett der Persönlichkeiten aus allen Parteien der Großen Koalition gegeben hatte, halt man ein solches
Kabinett ohne Bindung der Fraktionen für gesichert. Hermann Müller-Franken wtrv selbst das Reichskanzleramt übernehmen Sein Kabinett wird etwa folgendermaßen ausiehen. Reichsfinanzminsster T , HFferding Neichsinnenminister Severing ,2oz.), Reicks- außenminsstN"-Dr. Stresimann (Dvp.), Neichs- wirtschaftsminister Dr. Curtius (Dvp.), Reichs- justtzminister Dr. Koch (Dem.), Reichsarbeitsminister Dr. Brauns (33, ReichsverkehrsmiNl- ster Dr. Wirth (Z.), Reichswehrrninister Dr Gröner (ohne Partei). Besetzte Gebiete von Guerard (Z.), Reichspostminister Dr. Schätzet (Rapr. Nnlksv) Da« Amt Ni,Kanzlers
dürfte unbesetzt bleiben.
* * *
Zwei heiße Eisen.
Entscheidung im Parlament. Die Preußenklippe
Berlin, 26. Juni. (Funkdienst.) Ein Zentrumsblatt schreibt: Die strittig gebliebenen Fragen, in erster Linie der Nationalfeier- t a g und die Amnestie, werden ihre Paria- mentarische Erledigung finden, ohne daß die Haltung der Regierungssraktionen gebunden jft. Wenn die Fraktionen bei der parlamentarischen Entscheidung dieser Fragen auf den politischen Sinn dieser Regierung die erforderliche Rücksicht nehmen, dürfte es leicht gelingen, noch bestehende Schwierigkeiten zu überwinden. Wird dann auch später die Frage einer Umbildung
der Preußischen Regierung spruchreif — der Begriff der gegebenen Zeit wird dann eine Klärung erfahren, so kann man annehmen, daß das Kabinett der Persönlichkeiten auch eine koali- tionsmäßige Bindung erhält.
Wirth scheidet aus.
Bon Stunde zu Stunde andere Minister.
Berlin, 26. Juni (Durch Funkspruch.) Die Reffortverteilung jm neuen Retchslabinett hat sich über Nacht schon wieder geänndert. Abg. Dr. Wirth kommt für einen Ministerposten nicht mehr in Frage. Das Ernährungsministerium dürfte nicht vom Zentrum, sondern von den Demokraten übernommen werden. Abg. Dietrich- Baden und der Abg. Esser (Z.) waren heute früh schon bei Müller Franken. Dir Frattions- sitzung des Zentrums hat den Fraktionsvorstand bevollmächtigt, b;e endgültige Entscheidung zu treffen. Der Borstand wird nach 11 Uhr dem Abg. Müller-Franken seine Vorschläge unterbreiten. Siehe auch Depeschen ?. Seite).
Was später kommt.
Festere Basis im Herbst. — Wenn Preußen die große Koalition nachmacht.
Berlin, 26. Juni. (Eigener Informationsdienst.) Sollte das Zentrum das Ernöhrungsmi- nisterium übernehmen, so würde es aus das Reichsarbeitsministerium verzichten. Wird Dietrich - Baden (Dem.) Ernährungsminister, so würde die Besitzung des Justizministeriums durch den Abgeordneten Koch in Frage gestellt. Cs ist zu erwarten, daß es Müller heute schnell gelingt, das Kabinett zusammenzustellen, sodaß er bereits
Dienstag Abend dem Reichspräsidenten die Ministerliste
vorlegen kann. Die offizielle Bestätigung hängt dann noch von der Mittwoch-Sitzung der Volkspartei ab. Die Zustimmung der übrigen Fraktionen ist bereits am Dienstag zu erwarten. Die nationalliberale Korrespondenz schreibt: Die Minister würden zwar als Vertrauensleute ihrer Fraktionen erscheinen. Diese selbst würden jedoch der Regierung ohne Bindungen gegenüberstehen. Das Regicrungsprogramm muß besonders auf parteipolitische Wünsche verzichten. In absehbarer Zeit dürfte sich von selbst der Zwang ergeben, die neue Komhination zu einet
festen Bindung umzugestalten.
Vorher müsse jedoch die preußische Frage eine befriedigende Regelung erfahren.
Bela Khun-Gpuk in Wien.
Ungarns früherer Räte-Kommandant und Moskaus jetziger Spion schafft eine Minifterkrise.
Wien, 26. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Jm Zusammenhang mit dem heute beginnenden Bela-Khun-Prozeß (f. a. Artikel 1. Seite viert; Spalte) hat sich eine teilweise Krise im Kabinett ergeben, insofern als die großdeutsche VolkS- partei, deren Vertreter Justizminister Dr. Ding- Höfer ist, die Entschließung des Justizministers wonach Bela Khun an Ungarn nicht auSgeliefert wird, nicht billigt und den Minister desavouiert. Die Partei hat den Minister von der Karlsbader Kur zurückbernfen.
Der Statuier deckt den Minister,
Wien, 26. Juni. (Funktelegrmam.) Einer Uhgeordneten-Abordnnng bezeichnet der Bundeskanzler die getroffene Entscheidung deS Jufiiz- minifterS für die einzig richtige. Er hätte sich mit einer anderen nicht einverstanden erklären können.
Zwischen Wien-Moskau.
Bela Khun wollte Europa unterwühlen.
Wien, 26. Juni. In der Anklageschrift gegen den ehemaligen ungarischen Volkskommissar Bela Khun und die beiden Mitangeklagten, den Kaufmann Meyerhofer und die Privatsekret?rin Ilona Breuer wegen G^eimbündelei wird auf die organisatorische geheime Tätigkeit KhunS verwiesen, die er als Leiter deS Kommunistischen Ungarischen Komitees mit dem Sitz in Wien seit 1927 ausgeübt habe, wie aus beschlagnahmten Dokumenten deuttich hervorgehe. Der wiederholt Ausgewiesine kam schon im Borjahr, zweimal unter falfK-Mk Namen nach Wien. Das AuslandSkomite unterhielt einen regen Verkehr mit dem Moskauer Zentralkomitee. Bela Khun hat jed, Auskunft verweigert und erflärt, er sei nach Wien getont» men, um hier an politischen organisatorischen und literarischen Arbeiten teilzunehmen.
Wird Amundfen gefunden?
Ein schwacher Hossnungsstrahl. — Vielleicht in Südspitzbergen gelandet.
Moskau, 26. Juni. Der russische Eisbrecher „Malygin" hat bisher keinen Ruf von Amund- sen ausgefangen, während der Eisbrecher „Krassin" Amundsens Aufenthaltsort festgestellt haben soll. Auch der Flieger Babuschkin hat auf seinem Erlundnngsflug in der Nähe der Hofs- nungsinsil nirgends Amundsens Flugzeug ge- sichtet. Ter Leiter der russischen Hilfsexpedition Wiese vermusit, daß Amundsen, wenn er nicht
über dem Ozean verunglückt ist, in Südspitzder- gen gelandet ist.
Oslo, 26. Juni. (Durch Funkspruch.) Die Regsirung will einige Eismeerfahrzeuge unter dem Kommando des Polarforschers Sverdrup und des Majors Gran zur Rettung Amundsens ausrüsten. Die Schifte sollen östlich von Trornfö- Nordostland Rachsuche mit Hundegespannen nach dem Flugzeuge Amundsens halte«.
Von Zelle zu Zelle.
Das heutige Nachspiel zur Bela Khun-GroteSk«, Von
Dr. Edgar von Schmidt-Pauli.
Rar eine Prozeb-Grimassi. — Was et ans de« Kerbholz Hal. — Von der Wiege bis zum Gipset.
Glück und Ende des Diktators.
Am heutigen Dienstag »ginnt in Wien die Verhandlung gegen Bela Khun, den ehemaligen Diktator Ungarns. Es ist ein seltsamer Prozeß, der die Journalisten vieler Länder anlockt. Nach vieljähriger Pause wird der fettige kleine Manu mit den Regerlippen wieder aus einer Wiener Zelle dem Gericht vorgesührt. Aber es handelt sich nicht um eine Anklage gegen diesen Verbrecher wegen seines blutigen in Ungarn verübten Terrors, wegen seiner wahnwitzigen Räubereien, seiner grauenvollen Massenmorde in der Krim, wo er an der Spitze von ausgewählten Tscheka-Terroristen an der im Juli 1922 nsidergeworfenen Gegenrevolution Rache aus- übte durch
Erschießung von rund 40 000 Personen, 1 i
darunter siebzehn Krankenpflegerinnen und drei Aerzten des Roten Kreuzes, sondern um di« Anklage wegen verbotener Rückkehr, Falschmeldung und Geheimbündelei. Es ist kein Prozeß, sondern nur die Grimasse eines solchen. Wie der ganze Bela Khun trotz seiner hundertdreiund- dreitzigtägigen roten Herrschaft über Ungarn, m der er mit seiner proletarischen Arbeiterarmee zweimal gegen die Rumänen und einmal gegen die Tschechoslowaken tatsächlich Krieg geführt als ungarischer Machthaber sogar einmal mit Clemenceau in Depefchenwechsel gestanden und eine Gesandtschaft in Wien unterhalten hat, nur eine historische Grimasse darstellt. So bezeichnet ihn treffend der ungarische Schriftsteller Geza H e r c z e g, der zufällig zur selben Stun- de, da in £ en das Gericht zusammentritt, im Verlag für Kulturpolitik zu Berlin ein Buch erscheinen läßt, das wohl als eine der seltsamsten Biographien der Weltliteratur zu bezeichnen ist. Ein Phantastisch tatter Film; der Traum eines Irrsinnigen rollt vorüber. Und es ist ein guter Witz der Weltgeschichte, das Bella Khun nach seiner Flucht aus Ungarn in der Irrenanstalt zu Steinhof bei Wien interniert wurde, bevor man ibn nach Rußland abschob. Seit zehn Jahren spielt die Zette im Leben Bela Khuns die Hauptrolle: Die Zelle isis Budapester Schubhauses, in die er noch unter der Regierung Michael Karo- lyis nach seinem kommunistischen Gewaltangriff auf das Gebäude der sozialdemokratischen Zeitung gesperrt und wo er von den Polizisten halb tot geschlagen wird, weil sieben ihrer Kameraden bei diesem Angriff gefallen sind; — die Zelle im Sammelgefängnis, aus der er in das Auto des Oberstaatsanwaltes steigt, der ihm mit der Phrase: „Ich begrüße die ausgehende rote Sonne" die Herrschaft über Budapest übergibt, aus dem der unglückselige Karolyi, Magnat und Rebell entweicht; die Zelle der Wiener Po- lizeidirektion, in der er nach der Flucht au8 Ungarn mangels anderer Wohnräume mit seinen Genossen untergebracht ward; — die Zelle in Schloß Karlstein, wohin man ihn dann überführt; — die
Zelle in Steinhof, der Irrenanstalt, die für fein angeblich stets bedrohtes Beben endlich sicher genug erscheint; — und nun die Zelle des Wiener Landgerichts, in die man den „Ingenieur Wagner" eingeliefert hat, als welcher sich Bela Khun, Mitglied des Exekutivkomitees der dritten Internationalen, juristifch genommen also russischer Untertan, wieder nach Wien eingeschlichen hat. In dem kleinen, verschlafenen Dorf Szilagycsehi in Siebenbürgen, zu dem keine Bahnlinie führt, nur ein lehmiger Weg, von der Hauptstraße abzweigend, wird dem alten Dorfnotar Kohn 1884 ein Sohn geboren. Er tauft ihn Bela und ändert den Familsinna- men mit ministerieller Erlaubnis in Khun um. Ein Spiel des Zufalls, daß Ungarns größter Lyriker seit Petöfi, Andreas von Ady, dem kleinen Khun Privatstunde gibt. Er hat ei aber nicht mehr erlebt, was der aus seinem heißgeliebten Vaterlande gemacht hat. Aber auf seinem Sterbebette warnt er vor ihm mit schon lallender Zunge, wenige Wochen vor dem Aus- bruch des roten Terrors: „Gebet acht, daS ist ein gefährlicher Kerl." Die Geschichte hält sich nicht an Warnungen aus dem Munde eines Dichter-. Wenige Wochen später steht in dem feierlichen Sitzungssaals des MinisterpräsidiumS, von des- len Wänden die ehemaligen Präsidenten in ungarischer Galauniform wie erstarrt herabsehen, inmitten seiner Genossen, einem schreienden, schmierigen, wildgestikulierenden Hausen ver-