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Kasseler Neueste Nachrichten

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Kasseler Abendzeitung

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Nummer 203.

18. Jahrgang

Dienstag, 28. August 1928.

Einzelpreis: Sonntags 20 Pfennig.

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig

Heute wird öer Kelloggpakt unterzeichnet.

Stresemann bei Briand.

pariser Auftakt.

Stresemann an die französische Presse.

Sonnabend nachmittag traf unser Autzenmi- ttister Dr. Stresemann in Paris ein. Auf dem Nordbahnhos war zur Begrüßung namens der französischen Regierung der Ches des Protokolls, de Foujuisres, erschienen. Außerdem hatten sich eingefunden der Polizeipräfekt von Paris, ver Chef der Sicherheitspolizei, die Mitglieder der Deutschen Botschaft, mehr als 100 französische und ausländische Journalisten und zahlreiches Publikum ,das trotz der Absperrung sich Zugang zum Bahnsteig verschafft hatte. Als Dr. Strese­mann den Bahnsteig vergeß, entblößten die an­wesenden Eisenbahner ur.o Reisenden das Haupt. Bor dem Bahnhof wartete eine zahlreiche Menge, die Beifall klatschte. Rufe: Bravo, Bravo! wur­den laut. Das gleiche geschah bei Dr. Strese- manns Einfahrt in das Ministerium des Aeußern am Quai d'Orsay. Aus der Menge er­tönten Rufe: Es lebe Stresemann!

Auf dem Gebäude des französischen Außen­ministeriums weht die deutsche Flagge. Es ist ein eigenartiges Gefühl, das einen beschleicht, wenn man auf dem Stammsitz mancher Feindse­ligkeiten gegen Deutschland feit nahezu 60 Jah­ren zum ersten Male deutsche Farben steht. Dem Uneingeweihten wird es vielleicht nicht auffal­len, weil sie neben 14 anderen Fahnen aufgezo­gen ist, von denen man die meisten überhaupt nicht kennt. Immerhin bleibt die Tatsache be­stehen, daß Deutschlands Flagge neben denen der Bereinigten Staaten, EngtaNds, Frankreichs und Italiens, den Hauptgegnern des Deutschen Rei­ches im Weltkriege, weht. Natürlich wäre es ge­fährlich, aus dieser äußerlichen Tatsache eine günstige Schlußfolgerung für das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich ziehen zu wollen. Dr. Stresemann hat der französischen Presse eine schriftliche Erklärung überreicht, die folgenden Wortlaut hat:Ich bedauere aufrich­tig ,daß die Unnachgiebigkeit meiner Aerzte mich zwingt, mich auf diesem Lege und nicht persön­lich, wie ich es gewünscht hätte, an die Vertreter der französischen Presse zu wenden. Ich habe im­mer angenehme Beziehungen zu den französi­schen Journalisten gehabt, deren Bekanntschaft ich vor allem in Genf gemacht habe. Daß wir manchmal verschiedener Ansicht über gewisse An­gelegenheiten gewesen sind, ist nur natürlich, aber dies hat mich niemals verhindert, Ihre Be­gabung und Ihre hervorragenden beruslichen Eigenschaften anzuerkennen.

Der Grund meiner Reise ist die Unterzeich­nung des Kelloggpaktes, eines internationalen Vertrages zum Zwecke des Verzichte auf den Krieg als Werkzeu^ der nationalen Politik. Es genügt, diesen elementaren Grundsatz des Ver­trages auszusprechen, um die außerordentliche Tragweite des bevorstehenden internationalen Aktes zu begreifen. Die zahlreichen skeptischen Stimmen, die wir noch heute vernehmen, erklä­ren sich vielleicht durch die Tatsache, daß das Er­eignis uns zu nahesteht. Auf jeden Fall glaube ich, daß die Geschichte seine beträchtliche Bedeu­tung würdigen wird. Wir wissen alle, daß wir durch den Abschluß dieses Vertrages nicht ein für alle Mal das Ziel der endgültigen Konsoli­dierung des Weltfriedens erreicht haben. Ich bin jedoch davon überzeugt, daß wir in diesem Pakt eine neue Grundlage besitzen, die es uns ermöglicht, mit gutem Willen zur Schaffung einer Welt zu gelangen ,in der der Krieg eines der schrecklichsten Nebel der Menschheit, nicht mehr sein wird.."

Das deutsche Volk hat den festen Willen, nachdrücklich und tätig an der Verwirklichung dieses Ideals mitzuarbeiten. Die zahlreichen französischen Journalisten, die mein Vaterland im Laufe der letzten Jahre besucht haben, haben sich davon überzeugen können, in welchem Matze dieser Wunsch in dem deutschen Volk Wurzel ge­schlagen hat. Ich empfinde jedoch meinerseits das Bedürfnis, dies von neuem mit Nachdruck hier in Paris zu betonen, und hinzuzufügen, daß die Politik der deutschen Regierung ihre festeste Grundlage in dieser Haltung deS Volkes findet. Es ist eine bedeutsame Tatsache, daß ge­rade der Abschluß dieses Vertrages zum ersten Mal seit langem den deutschen Minister des Auswärtigen nach Paris führt. Man hat oft wiederholt, daß in einem gewissen Sinne der Schlüssel des europäischen Friedensproblems in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich liegt. Wir wissen alle, daß selbst nach Locarno gewisse Schwierigkeiten noch immer ein Hindernis für die Vertiefung d'eser Beziehun­gen bilden, aber wir wissen auch, daß diese Schwierigkeiten nicht so sind, daß sie die Politik der verantwortlichen Staatsmänner zum Still­stand bringen sollten. Sie können beseitigt wer­den und infolgedessen müssen sie beseitigt wer-

E!n Satz, der seit sechzig Jahren nicht

Paris, 27. August. (Drahtbericht.) Von fran­zösischer Stelle wird über den Besuch Dr. Stre- semannS im Quai d'Orsay kein amtlicher Bericht herausgegeben. Auch die heutigen Morgenblät- tenr ergehen sich nur in Vermutungen über den Gengcnstand der Unterhaltung, sind sich aber in der Annahme einig, daß während der halb­stündigen Unterredung Stresemanns mit Briand Fragen internationaler Politik nicht besprochen wurden. Die Zusammenkunft wird demPetit Parisien" folgendermaßen geschildert: Als der Direktor die Tür des Arbeitszimmers de8 Mi­nisters öffnete und verkündete:Seine Exzellenz, der Außenminister von Deutschland", ein Satz, der seit sechzig Jahren in Paris nicht mehr ge­sprochen wurde, fühlten die Umstehrnden mit Deutlichkeit, daß irgend etwas Neues in die Erscheinung getreten war. Dann hörte man Briand mit seiner tiefen Stimme sagen:Wie geht es Ihnen?" und die Tür schloß sich hinter den beiden Staatsmännern. Das Blatt erklärt, Stresemann Hobe in seiner Unterhaltung nicht die Wünsche des Reiches dargelcgt und sich jeder Formulierung enthalten, die Verhandlungen ähnelten.

2inur<fa gtvi ein Bankett.

Paris, 27. August. (Drahtbericht.) Am Sonn­tag abend gab Staatssekretär Kellogg in der Botschaft der Vereinigten Staaten zu Ehren der Paktunterzeichner ein großes Bankett. Unter den Gästen befand sich Ministerpräsident Poincars, Außenminister Briand, die Botschafter und De­legierten, die an der Paktunterzeichnung teilneh- men, ferner die Mitglieder der amerikanischen Botschaft und mehrere hohe Beamte des Quai d'Orsay. Reichsaußenminister Dr. Stresemann

Prag, 27. August. (Drahtbericht.) In der heutigen Eröffnungssitzung des Weltkongresses für internationale Freundschaftsarbeit der Kir­chen hielt der deutsche Reichsgerichtspräsident Dr. Simons den grundlegenden Vortrag überDie moralischen und religiösen Grundlagen des Weltfriedens". Besondere Ausführungen wid­mete der Redner dem Völkerbund. In ihm ist der Anfang einer Organisation der Welt, eine Art von Zentrale aller juristischen und polftischcn Grundlagen des Weltfriedens gefunden. Wer es gut mit der Menschheit meint, der sollte den Völkerbund

trotz seiner Mängel nicht verachten, sondern nach Kräften zu fördern und zu verbes­sern suchen. Sein bloßes Bestehen bedeutet eine starke Sicherung mehr. Freilich wird der Völ­kerbund wie der Haager Gerichtshof seine Feuer­probe erst zu bestehen haben, wenn ein Staat sich dem ordungsmäßig gefällten Spruch widersetzen oder dem einstimmigen Vorschlag des Rates nicht Folge leisten sollte. In diesem Falle erkennt der Völkerbund den Krieg des gegnerischen Staates als berechtigt an. Und er fordert den Krieg der Bundesmitglieder gegen den Staat, der den Frie­den als Angreifer gebrochen hat, wobei jedes Bundesmitglied selbst zu entscheiden hat, ob ein Angriffskrieg vorliegt, was zu neuen Kriegen führen kann. AlS einen Vorgang von großer Tragweite bezeichnete der Redner den K e l lo g g- Pakt, durch den der Krieg überhaupt verfemt wird. Aber schon die Aufnahme, die der Pakt bei einigen Großmächten gefunden und die Vor­behalte, die man an seine Unterzeichnung ge­knüpft hat, lassen

Zweifel daran aufkommen, ob selbst dieser Patt im Stande sein wird, daö jähe Auf- slammen eines Kriegsfeuers zu verhindern. Der Weltfriede bedarf also einer stärkeren Grund-

den. Ich wäre glücklich, wenn die Unterzeich­nung des neuen Friedenspaktes in Paris die Realisierung neuer Fortschritte in dieser Rich­tung begünstigen würde."

Ueberraschende Aufklärung.

Um die Hindenburgbüste von Zeitz.

Merseburg, 27. August. (Drahtbericht.) Die auf Veranlassung deS Regierungspräsidenten Grützner vorgenommenen Ermittlungen über die Vorkommnisse bei der Versaffungsseier in

mehr in Paris gesprochen wurde, hatte sein Fernbleiben mit seinem Gesundheits­zustand entschuldigt und sich durch den deutschen Botschafter von Hösch vertreten lassen.

* * *

Bravo Stresemann!

Die Begrüßung der Pariser Presse.

Paris, 27. August. (Drahtbericht).Oeuvre" widmet heute dem Besuch Dr. Stresemanns einen Begrützungsartikel und schreibt:: Weniger als zehn Jahre »ach dem Waffenstillstand ist m Paris ein Deutscher von Hunderten von Fran­zosen erwartet und mft sehr herzlichem Beifall empfangen worden. Das ist ein Ereignis, das Frankreich ebenG zur Ehre gereicht wie dem Staatsmann, den man empfängt. Die Ankunft Stresemanns in Varis erhält in Anbetracht der Ereignisse der Vergangenheit, aber noch mehr in Anbetracht der Miglichkeiten, die sie für die Zukunft erschließt, eine ungeheure Bedeutung, lieber die Begrüßung am Bahnhof, die einige rechtsstehende Blätter dadurch in ihrer Bedeu­tung herabzusetzen versuchen, daß sie erklären, es feien Mitglieder der Deutschen Kolonie in Paris gewesen, die Stresemann Beifall geklatscht hätten, berichtetOeuvre": Man hat Bravo ge­rufen und nichtHoch". Man rief Bravo mit französischem Akzent und mit einem europäischen Herzen. Das war nicht die deutsche Kolonie in Paris, die Stresemann Beifall klatschte, sondern die Pariser, die eine» Europäer und den Ge­danken des Friedens mit Beifall begrüßten. Im übrigen stellt die gesamte Morgenpreffe den herzlichen Empfang, der Stresemann sowohl bei seinem Erscheinen am Nordbahnhof als auch vor dem Ministerium deS Aeußeren seitens des französischen Publikums zuteil wurde, fetz.

läge, die er zunächst auf dem Boden des Sitt­lichen findet. Vor allem mutz gebrochen werden mit dem Prinzip derdoppelten Moral" für das politische und private Handeln. Eher kann die Welt nicht zum Frieden kommen, denn nur die stete Furcht vor der politischen Unmoral persön­lich tadelfreier Staatslenker lätzt die Völker un­ter stets vermehrten Rüstungen seufzen, die durch ihr blotzes Dasein den bestgemeinten Kriegsäch­tungspakt als unwirksame Demonstration kenn­zeichnet. Nur mutige Ucbernahme der privaten Sittlichkeit in das öffentliche Leben kann weiter helfen. Beim Konflikt der Interessen seines Staates mit den Interessen eines anderen mutz der Staatsleiter ebenso sachlich und redlich vor­gehen wie in seinen eigenen Angelegenheiten, denn er hat auch die Ehre, den guten Ruf seines Staates zu verwalten. Politische Unmoral schä­digt auf die Dauer das Volk, zu dessen Gunsten sie geübt wird. Von einer Sicherung und mora­lischen Begründung des Weltfriedens sind wir also trotz Locarno und Kellogg-Pakt noch weit entfernt. Christlicher Gesinnung so betonte der Redner abschließend würde es entsprechen, wenn die Glieder des einen Volkes den Gliedern des anderen

die gleichen Möglichkeiten deS Erfolges

gönnten, wenn die Völker, patt sich die Reichtü­mer der Erde gegenseitig mit den Waffen abja­gen, sich nach einem praktischen und gerechten Plan in ihre Erschließung teilten, wenn sie, statt sich gegenseitig auSzubeuten, sich gegenseitig Hilfe leisteten im Kampf gegen Krankheit, Not und Elend. Gerade auf diesem Gebiet zeigen sich schon hocherfreuliche Anfänge. Hier hat der Völ­kerbund seine ersten merkbaren Erfolge erzielt. Hier sollten die Kirchen, der Botschaft der Stock­holmer Weltkonserenz eingedenk, am Werk des Weltfriedens in erster Linie mitarbeiten.

Zeitz haben ergeben, daß der Stellmacher Elm in Zeitz am Nachmittag deS 11. August in einem unbewachten Augenblick die im Festsaal bereits aufgestellte Büste deS Reichspräsidenten von Hindenburg entfernte und versteckte, sodaß sie erst nach der Feier aufgefunden werden konnte. Elm ist Mitglied des Reichsbanners Zeitz, hat jedoch nach den Ergebnissen der Ermittlungen seine Tat völlig a»S eigenem Entschluß und al­lein begangen. Die Akten werden unvorzüglich der zuständigen Staatsanwaltschaft zur Veran­lassung des Weit?ren Übergeben werden.

Rund um Baku.

Die wichtigste Stadt der Sowjetunion.

Die Rieserie^SNeltrmg von Bak« «ach Bat«». Wildes Bölkeraemisch. Die Geschichte der G. P. U. Russische Ervavsio« ob ne Eroberungskriege.

Baku, die Erdölstadt, ist heute die wichtigste Stadt der Sowjetunion. Ihre Besitznahme durch die bolschewistische Regierung im Sommer 1919 hat e8 dem Kreml erst ermöglicht, die weißen Armeen im Süden und Westen Rußlands zu be­kämpfen und zu schlagen. Ohne die Frei­machung der Oelquellen im Gebiet der jetzigen Sowjetrepublik Aserbeidschan wäre es nicht möglich gewesen, Brennmaterial für Lokomoti­ven und Heeresautos zu erhalten, um den Transport von roten Truppen, Vorräten und Kriegsmaterial zu den Fronten zu bewirken. Die beiden Griffe der Bolschewiki nach Aser­beidschan und Georgien, wo sich atttibolschewistt- sche Zentren gebildet hatten .befreiten das rote Rußland aus der Weißen Umklammerung. In Aserbeidschan liegt am Kaspischen Meer Baku, der Erzeugungsort für Petroleum, in Georgien am Schwarzen Meer Batum, wohin das Erdöl durch eine

1000 Kilometer lange Röhrenleitung

zur Verschiffung abfließt, eine Strecke, die etwa der Luftlinie Mainz-Königsberg entspricht. Nur durch den Besitz der beiden Punkte Baku und Batum konnte das lebenswichtige Erdöl für das tote Rußland gesichert werden. Diese Republik Aserbeidschan hat selbst gar nichts Russisches an sich. Die Bevölkerung, die nach der letzten Zählung sich auf rund 4 600 000 See­len beläuft, ist zu drei Vierteln tatarisch und mohammedanisch. Das restliche Viertel besteht aus Armeniern, Kaukasiern, Griechen, Groß­russen, Ukrainern, Polen und Deutschen. Die Großrussen, fast alle in Baku wohnend, zählen höchstens 100 000 und stehen an Zahl stark hin­ter der Gesamtzifser der übrigen Europäer zu- rück. In Aserbeidschan

leben rund 9000 Deutsche

als Ingenieure, Aerzte, Landwirte, aber auch als Handwerker, Werkmeister, Kaufleute und Arbeiter. Man hat den Eindruck einer richti­gen Kolonialstadt. Das Gebiet von Aserbeid­schan ist von den Russen erst in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erobert worden. Bis dahin regierten dort einheimische Fürsten (Chane), die zum großen Teil dem Schah von Persien tributpflichtig waren. Die Eroberung von Aserbeidschan war eine Folge der Erobe­rung des Kaukasus. Damals lockten weniger die Erdölquellen als die strategische Position. Man wollte den ganzen mächtigen Wall des Kaukasusgebirges vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer und noch ein möglichst weites Glacis davor als Schutz gegen die Türken be­setzen. Dahinter lauerte natürlich der Gedanke, die Stellung später als ein Ausfallstor zu be­nützen, das in die Ebenen Mesopotamiens und bis an den Persischen Meerbusen führen konnte. Auch in dieser Eroberung waltete der Drang und Druck Rußlands nach dem warmen eis­freien Weltmeer. Um den Kaukasuswall zu sichern, mutzte auch das in seinem östlichen Rücken liegende Aserbeidschan unterworfen wer­den. Das Joch des orthodoxen Zaren ist von den Mohamedanern dieses Gebietes immer nur mit Widerwillen ertragen worden. Auch als die wirtschaftlichen Verhältnisse sich infolge der Ausbeutung der Erdölquellen besserten, konnte das die Oserbeidschaner nicht mit dem russischen Regime versöhnen. Ms der Zusammenbruch kam, achtete man in Baku die Stunde für ge­kommen und proklamierte im Mai 1918

die Unabhängigkeit Aserbeidschans.

ES hätte sich damals von russischer Seite wohl kein Einspruch gegen die Unabhängigkeit deS Kaukasus erhoben, wenn man den Russen nicht die Petroleumzufuhr abgeschnitten hätte. DaS hietz dem neuen Rußland die Lebensader unter­binden. Die rote Invasion unter dem Mattosen Panttatow war die Folge dieser Unklugheit. Selbswerständlich wäre sie den Bolschewiken nicht geglückt, wenn sie nicht auch reichlich An­hänger im Lande gehabt hätten. Daß die Tsche­ka eine gewaltige Tätigkeit in der neu geschaf­fenen Sowjetrepublik entfaltete und unter dem neuen Namen G. P. U. noch heute entfaltet, läßt sich nicht leugnen. Die Anhänger der Unabhän­gigkeitspartei wurden zum Teil vernichtet, zum Teil wanderten sie aus, viele nach der Türkei, von der aus sie heute eine pantürkische Propa­ganda treiben. Im allgemeinen ist es den Rus­sen gelungen, die Ruhe in Aserbeidschan zu er­halten und namentlich die Erdölquellen wieder in Gang zu bringen. Vor dem Kriege war Rußland bekanntlich das zweite Petroleumland der Welt. Heut« hat es diese Stelle an Mexiko

MMchkett und Völkerfreundschaft.

Reichsgerichtspräsident Simons über die moralischen und religiösen Grundlagen deS Weltfriedens.