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Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

Nummer 218.

Einzelpreis: Wochentags 10 Pfennig

Freitag, 14. Septemver 1928.

Einzelpreis: SonntagS 20 Pfennig.

18. Iahrgaug

Ewige Kontrolle über die Rheinzone?

Spanien schlägt den putsch nieder / Auflehnung auch in den Provinzen.

Taube Nüsse.

Eine deutsch-russische Entente?

Von Dr. Paul Rohrbach.

Auch ohne den Lod deS Grafen Brockdorff- Rantzau wäre es an der Zett, das bisherige Ergebnis der deutsch-russischen Politik zu über­blicken. In den Beziehungen Deutschlands zu den westlichen Mächten ist offenbar ein Wende­st u n k t eingetreten, bei dem es sich zeigen mutz, ob wir noch irgendwelche Trümpfe, außer den, was wir durch uns felbst wieder bedeuten, im Spiel liegen haben. Nur bedenkenfreie Optimi­sten können darauf hoffen, daß wir tn Genf, wo es hart auf hart geht, andere alS moralische Er­folge davontragen werden. Irgend einmal aber müssen wir natürlich auch wirkliche Erfolge sehen und manche Hellhörige weisen dabei auf «ine deutsch-russtsche Entente hin. Ueberprüfen wir heute einmal die Früchte von Rapallo. Als Brockdorff-Rantzau damals nach Moskau ging .meinten viele seiner Vertrauten: Er hat nicht vergessen, was ihm die Ententeleute in Versailles angetan haben ,und jetzt will er eS ihnen heimzahlen! Die Szene tn der Spiegel­galerie, wo der deutsche Vertreter nachlässig seine Handschuhe auf das Papierkonvent warf, das die Verurteilung Deutschlands zu dem Gewaltfrte- den enthielt und das ihm als dem Repräsentan­ten des verurteilten Verbrechers übergeben wurde, ist bekannt. Er hat sich und damit Deutschland keinen Zollbreit Haltung vergeben. Seine Unterschrift hat er v e r w e i g e r t und ist vom Amt des Außenministers zurückgetreten. Wahrscheinlich hat er wirklich Deutschland in Moskau ein Stück Revanche für Verfall- l e s verschaffen wollen. In diesem Sinn mag Wohl eine gewisse innere Verwandtschaft zwi­schen Brockdorff-Rantzau und den sogenannten Nattonalbolschewisten bestanden haben, mit dem Unterschied natürlich, daß der erfahrene Diplo- mat auf keinen Fall an ein Zusammenwirken mit den Waffen, sei es unter welchen Umständen auch immer, gedacht haben kann.

WaS ist nun aber Wirklichkeit von seinen Zie­len geworden? Wenig wenn überhaupt et- waS! Vielleicht war der einzig Moment, wo Deutschland mit Moskauer Hilfe einen gewissen Druck auf seine Verhandlungsgegner hat aus­üben können, der Abschluß des Vertrages in Lo­carno. Chamberlain äußerte sich damals, Deutschland habe sich in Locarno geweigert, alle Verpflichtungen eines Völkerbundsmitgliedes zu übernehmen, daher dürfe es auch nicht darauf rechnen ,in alle Rechte eingesetzt zu werden. Er meinte dabei auf der einen Seite den bekannten deutsch-russischen Vorbehalt wegen R e u t r a l i - tat im Falle einer Völkerbunds-Exekution gegen Rußland und dasRecht", auf das Deutschland keinen Anspruch habe, war bei jener Unterhal­tung die Zuteilung eines Kolonialmandats. Das deutsche Sonderverhältnis zu Rußland ist von Anfang an ein Gegenstand englischen Mißbeha­gens und englischen Argwohns gewesen. Daraus kann man folgern, daß es für uns auch ein Druckmittel hätte sein können, wenn man mit Rußland als einem wirklichen politischen Partner hätte operieren können. Das war aber letzten Endes unmöglich, erstens wegen der welt­revolutionären Prinzipien des Bolschewismus, zweitens weil die Sowjetmacht zusebends schwä­cher wurde.

Die Politik Brockdorff-Rantzaus wurde jahre­lang von den Vertretern der deutschen Wirtschaft gestützt, weil diese von hier aus auf eine starke Belebung des deutschen Exports nach Rußland hofften. Moskau hat große Vorteil- man denke an den 300 Millionen-Kredit daraus ge­zogen. Am Ende aber stellte sich heraus, daß die in Deutschland gewährten Kredite russischerseits gar nicht dazu benutzt wurden, die Käufe in Deutschland entsprechend zu vergrößern, sondern dazu, mit den auf diese Weise freiwerdenden Mitteln die russischen Handelsbeziehungen mit England und den Vereinigten Staaten möglichst vorteilhaft zu entwickeln. Heute glaubt kein Mensch in Deutschland noch an nennenswerte Aussichten des russischen Geschäfts ,und der Jn- genieurprozeß hat selbst den Rußlandwilligsten einen letzten Stotz versetzt. Die Sowjetregie­rung will oder kann garnra,» Deutschland eine Rückendeckung, sei es wirtschaftlich oder politisch, gewähren. Die Wirtschaftsverhältnisse in Russ­land werden i m m e r s ch l e ch t e r, die Ab­hängigkeit des Kreml von den Bauern und der bäuerliche Widerstand gegen die Getreideablie­ferung und gegen den Steuerdruck wird immer stärker, die Bergwerke und die Fabriken werden immer weniger leistungsfähig, und nur daS diplomatische Geschick der Si>wjetvettrtter im

Auslande bleibt das gleiche. Mit einem Wort: Die deutsch-russische Bilanz ist nich t befrie­dig e n d. In der Krisis, in die Deutschland jetzt von neuem seinen westlichen Nachbarn gegenüber eingetreten ist, hat die russische Karte keinen Wert. Man kann sich auch schwer andere Ver­hältnisse denken, unter denen sie einen wirklichen Wert gewinnen könnte. Wir sind und wir blei­ben darauf angewiesen, uns in den Verhandlun­gen mit Frankreich, das jetzt offensichtlich Eng­land hinter sich hat, nichts zu vergeben. Unsere Position kann dadurch auf die Dauer nur besser werden, die französische ebenso aus die Dauer immer nur schlechter.

Sie tappen noch im Nebel.

Eine RäumungS- und Revarationskommiffion vorgesehen. Bon der Rheinlandkontrolle gehen sie nicht ab.

London, 13. September. Bettina« berichtet aus Genf, daß Lord Cushendu« dem Reichs­kanzler gegenüber die Verrichtung praktischer Arbeit betont habe. ES wird jetzt die Ernen­nung einer Äommffion erwogen, die das Mumungsproblem zugleich mit der endgültigen Reparationslösung untersuchen und sich bemü­hen werde, einen Annäherungsweg zu finde«. Auch wird vielleicht die Fruge der intcraffiier- ten Rheinlandkontrolle neu geprüft werde«. Endgültige Einzelheiten fehlen, und der gesamte Plan ist immer noch etwas nebel­haft. Aber eS scheint in gewissen Kreise« vor­geschlagen worden zu sein, daß eine Art britisl^franzSsisch-deutsch-italienisch-belgischer Kontrolle an der französisch-deutschen Grenze zur Anweiümng gebracht werden könnten. Ita­liens Vertreter Scaijsta hält sich zurück, weil er keine Instruktionen für Genf hat. Man erwar­tet, daß der deutsche Reichskanzler heute vor. mittag möglicherweise Gegenvorschläge machen werde. Briand wird dem Ministerrat in Paris einige endgültige Gedanken unter­breiten können.

3ft Locarno ein Fetzen Papier ?

London, 13. September. (Eigene Drahtmel- düng.) Ein Blatt schreibt, England hätte nie­mals den Locarnopakt unterzeichnet, wenn vor­ausgesetzt werden konnte .dass die darin enthalte­nen Verpflichtungen nicht erfüllt würden. Wenn der Locarno-Pakt nicht zum toten Buch­staben werden solle, dann sei es notwendig, ihn dem Buchstaben wie dem Geiste nach zu erfüllen.

* * *

preislie-er auf Briand.

Newyork stimmt fast ausnahmslos zu.

Washington, 13. September. (Funkdienst.) Die Newyorker Blätter schweigen sich über Briands Angriff auf Deutschlands Kriegsbereit- schäft ans. Nur ein Blatt bezeichnet die Rede als logische Folge der Politik. Deutschland ab- olut wehrlos zu machen, während Frontreiit elbst sich die militärische Hegemonie in Europa ichert. Briands Rede enthalte über den Frie­den nur leere Phrasen dagegen Tiraden über die auf Macht gegründete Sicherheit. Briand unterstütze dadurch den Militarismus, statt, wie man gehofft hatte, einer Einschrän­kung der Rüstungen das Wort zu rede«. Ein anderes Blatt hält die Lehre Briands für h e i l- s a m, denn sie zeige, daß Frankreich sich nicht die Führerrolle in europäischen Angelegenheiten in Berlin aus der Hand winden lassen wolle. Die Deutschen versuchten in Abrüftungs- und Völkerbimdsfragen die moralische Führung zu übernehmen, und Briand habe sie wieder auf den Boden der nüchternen Tatsachen zurückge­führt. Ein Bericht aus Genf besagt, sämtliche Pariser Blätter mit Ausnahme des radikalen ständen hinter Briand und feine Rede habe die nationale Einigung Franfteichs zu­stande gebracht.

* * * Nacken steif!

Auch die Linksparteien am Ende der Erfüllungen­

der obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit, den Pakt von Locarno und den Kelloggpatt, der nach Osten hin eine Art von Locarno darstellt. Frank- reich und Europa haben

Bürgschaft über Bürgschaft für Deutschlands Friedenswillen erhalten. Nie­mand in Deutschland ist geneigt, die Abkürzung der Besatzungsfrist mit besonderen Opfern zu bezahlen. Die jetzigen Verhandlungen sollen auch nur den Weg offen halten, um dann in absehbarer Zit zu einem positiven Ergebnis zu führen, was man im Interesse Europas hoffen und fordern möchte.

Daumenschrauben am Rhein.

Entmilitarisierung und Schnüffelkontrvlle.

Patts, 13. September. (Eig. Drahtbericht Ein Blatt äußert sich, daß selbst bei den besten Beziehungen auf jeden Fall das linke Rheinufer und ein 50 Kilometer Streifen auf dem rechten Ufer entmilitarisiert bleiben müßten. Das Recht der Jnvestngationen entsprechend dem Vertrag würde in den Händen des BüUerbun- des bleiben Die kleinen vorübergehenden und lokalen Schwierigkeiten zu regeln müßte, müßte die Angelegenheit eines besondere« Organs sein

* * *

Ein Versuch der Franzosen, unter einer ver­schleierten Form in der Kontrollfrage zu einem Ziele zu kommen, wird von Deutschland unter allen Umständen abgelehm werden. Ein Kon­trolle über den Artikel 213 des Versailler Ver- ttageS hinaus kommt für Deutschland über­haupt nicht in Frage.

In letzter Stunbe verraten.

Die Nacht vor der Revolution i« Spanien.

Der Innenminister als Retter der DMatur. Tausende verhaftet.

Paris, 13. September. Ein Madrider Korre­spondent telegraphiett: Die Reise des Königs nach Swckholm benutzend, hatten liberale, re- publikanische und selbst kommunistische Elemen­te ein Komplott geschmiedet, die Regierung zu stürzen. In der Nacht auf Dienstag erhielt der Minister des Innern, Martinez Antdo, Kennt, nis von der Verschwörung, die einen General­streik für den 14. September plante und ordnete sofort die erforderlichen Maßnahmen an. In Madrid wurde sestgenommen der Führer der Liberale«, in Barcelona die Würdenträger des Freimaurerordens, der Präsident derLiga für Menschenrechte, mehrere republikanische Jour­nalisten sowie ein ehemaliger republikanischer Deputierter, in Valencia ein Zeitungsdirektor. Andere Verhaftungen betrafen Mitglieder der Armee, Journalisten und sonstige Persönlich­keiten. Der Erzbischof

von Zaragofla wurde aufgefordert, sich in ein Kloster zu begeben, um der Strafverfolgung zu entgehen. Letzte Nacht ordnete der Ministerrat die Verhaftung des früheren Ministerpräsident Sanchez Guerro, der im freiwilligen Exil in Frankreich lebt, und des katalanischen Führers Cambo an. Insgesamt sind mehrere taufend Verhaftungen erfolgt. Die Regierung ist Her­rin der Lage.

* *

Es gärt in vier Provinzen.

Empörung gegen die DMatur von Madrid.

Paris, 13. September. Nach Berichten anS San Sebastian sind die vier baskischen Provin zen, die seit langem eine autonome Verwaltung und Steuergerechtsame besitzen, in großer Erre­gung. weil eine spanische Verordnung daS auto. nome Regieme für den Unterricht und die fozi. ale Fürsorge abschaffe. Sämtliche Provinzlal- und Gemeinderäte der Provinz Navarra hätten zu demonstrieren beschlossen. Die ©elfter in Sla» Barra seien in Wallung Die Regierung halte in den angrenzenden Provinzen Truppen zum Eingreifen bereit.

* * *

Das Komplott gescheitert.

Wie die Diktatur sich reinwäscht.

Berlin, 13. September. (Durch Funkspruch.) Das Sozialistenorgan äußert sich zu den Räu­mungsverhandlungen: Unsere Vertragstteue in» bezug auf Abrüstung und entmilitarisierte Zone haben die Alliierten anerkannt, ebenso die Pünktlichkeit in den Reparationszahlungen. Die gesicherte Republik, der Dawesplan und die Rr-

Madrid, 13. September. Ein Communiguö besagt: Für heute nacht war ein Komplott ge­plant ,daS dank dem Elser der Sicherheitspolizei als gescheitert angesehen werden kann. DaS von den verhafteten Verschwörern verfolgte Ziel, die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel und der Umfang ihrer Verantwortung werden zur

parationserfüllung durch Deutschland stellen Bürgschaften für die Durchführung des

konnten. Vielleicht war die Ursache des Kom-

Neid, über die ge-

deS Diktatur-

Zelt festgestellt. Das Komplott sollte den Stolz und Ehrgeiz von Leuten besttedlgen, die nicht an den Schaden dachten, den sie Spanien zufügen

Vertrages dar, die die Bürgschaft der Rhein­landbesetzung an Wett weit übertrifft. . ______ , ____ _ . ____

Aber Deutschland erfüllt nicht nur, sondern plottS der Verdruß und der Neid sichett auch den Frieden durch SchiedSvetträge wattigen Kundgebungen anläßlich mit allen Nachbarstaaten, durch Anerkennung jubiläumS.

Hausherr Briand.

Unvergeßliche Eindrücke im Ministerpalast.

ES Ist iutereffant und wirkt in gewissem Sinne versöhnend, den letzt ganz ans PaincarS» Schultern reitenden sranzöstschen Aubeummifter. der nnseren Sozialisten Müller in Gens so schross abfallen lieb, auch als charmanten Hans- herrn zu beobachten, wie es eine« Journalisten beim letzten Pariser FriebenSsest vergönnt war.

Paris, im September.

Am ersten Tag Massenempfang bei K e l l o g g im Treppenhaus. Die weiteren Massenetnp- fänge bei Lord Cushendu n, Benes ch, Za- leski und (Einzelheiten mögen mir entfallen sein) auch bei anderen, die, so wenig sie es sich nehmen ließen, auch als Redner gehört zu wer­den, ihren Worten wenigstens Sekt und Kaviar- semm^ln beilegten und die Taglöhner der Presse- reUame in LouiS-Quinze-Stühle setzten. Nicht umsonst ist das französische das

bourgeoiscste Volk auf Gottes Erde

und nicht umsonst hat Paris bei all seinem groß­städtischen Charakter den achtenswerten Vorzug, bis heute ein Emporium des Kleinbürgertums geblieben zu sein; auch der Pariser Stadtrat be­wahrt sorgfältig in seinem höchst bezeichnenden Wappenschiff (denn von altersher dient dem ha­fenlosen Paris eine Fregatte als Wappen!) eine Ladung kostbarer und reizender Schildbürgersit-- ten, die auch beim letzten Empfang anläßlich der Pakt-Unterzeichnung zutage traten. So sollte man auf Staatskosten jenen Stadtvater in Gold fassen, dessen genialem Kopf der Gedanke ent­sprang, einen der Prunksäle in eine .grüne Wiese* zu verwandeln, indem der Fußboden mit einem grellgrünen Laufteppich belegt und Wände und Winkel mit Sträuchern und Blumenzweigen in kaschierten Töpfen geschmückt wurden. Mit ihren nachtwächterhaften Hellebarden nahmen sich die in vielfarbige Livreen gesteckten hünenhaften Stadtbüttel ebenso vorteilhaft aus, wie die be­häbig-beleibten Stadtväter in ihren Zyltnderhü- ten und (pietätvolle Andenken einer längstver- gangenen Mode) enganliegenden Gehröcken. Der Empfang beim Außenminister Briand bildete je­doch den Clou. Eine zwanzigjährige journali­stische Vergangenheit rettete mich nicht vor einem Augenblick der Aufregung, als dem aufgeriffenen Kuvert die Einladung entfiel, eine der wenigen an Pressevertreter: .Der Außenminister Aristide Briand wird sich freuen, Sie um 22 Uhr in den Sälen des Außenministeriums am Quai d'Orsao begrüßen zu können.* .Habit et dScorations" stand es im Programm schwarz auf weiß und meine undekorierten Knopflöcher schämten sich förmlich, als der Türsteher meinen bloßen Namen unter die versammelten

Aristokraten und Exzellenzen hineinrief und Aristide Briand selbst seine Hand mir mit dem Lächeln des guten Hausherrn entgegen­reichte. Zwar hatte ich schon Gelegenheit, auf den Bällen, die die Träger aller großen Namen Frankreichs jährlich einmal im Elyseepalast ver­einen, dem Staatsoberhaupt persönlich die Hand zu schütteln, aber der heutige Abend ist doch mehr als ein inhaltsleeres Zeremoniell und Briands Handschlag mehr als der des ersten besten Außen­ministers. Die außenpolitischen Potentaten von vierzehn Ländern füüen heute diese herrli­chen Säle, die mit ihrer prunkvollen Beleuchtung ihren bewundernswerten Freskogemälden und den großartigen Gobelins in Briands Arbeit« zimmer, in den verflossenen Jahrhunderten nach Rubensschen Kartons gewoben, an die schönste: Empfangsabende der Wiener Burg im Glanz- alter Franz Josefs gemahnen. Vertieft tourt : dieser Eindruck durch den Garten, der hinter den erschlossenen Glastüren der offenen Stiege den Schönbrunner Park ins Gedächtnis ruft, unter dem von elektrischem Licht übersprühten Strauch­werk ergehen sich die mit Ordenszeichen be­schuppten und mit Grandcordons umgürteten

Ritter im Frack mit Botschafterdamen

und Ministssrgattinnen tn Abendkleidern; in den Lauben spielt gedämpft ein Militärorchester. I r der Gartentür unterhält sich Benesch gutge­launt mit Herr tot, in BriandS ArbeüSsaal zeigen einander Gesandte aller Länder den kunst­vollen Wandschmuck, Zaleski debattiert mit zwei Kompatrioten eingehend nud ernst auf den, Sofa. Von den Unterzeichnern des Pakts fein: nur der kranke Stresemann, aber der an zeitiges Zubettgehen gewöhnte Kellogg und PoincarS entfernen sich als erste kurz nach 10 Uhr. Vielleicht gar nicht zufällig erscheint knapp nach dem Abzug deS jähzornigen Ministerprü- identen sein früherer Abteilungschef und jetziger Rivale Bergery mit seiner Frau, der Tochter des berühmten Sowjetdiplomaten Krassin, einer Ta-