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Nummer 132*
Donnerstag, 6. August 1931
21. Jahrgang
Italien in Erwartung der deutschen Gäste
Oie italienische presse zum Besuch der deutschen Staatsmänner / Oie Gegenvorschläge der amerikanischen Bankiers / Für und wider den Volksentscheid
Auf dem Wege nach Rom (Von unserer Berliner Schriftlettung),
th. Berlin, 6. August.
Gestern abend um 10 Uhr hat der Reichskanzler mit dem Außenminister Berlin verlassen und die Reise nach Rom angetreten, wo sie am Freitag früh eintreffen. Das Programm des zweitägigen Besuches der italienischen Hauptstadt ist im wesentlichen bekannt gegeben worden und umfaßt außer den gegenseitigen Empfängen, vor allem politische Besprechungen, in denen handelspolitische Fragen im Vordergründe stehen werden, besonders da durch die neue Devisenordnung in Deutschland eine Reihe von Problemen aufgeworfen worden sind, die für den deutschen und italienischen Export und Import von Wichtigkeit sind. Außerdem werden selbstverständlich Gespräche über die internationale Zusammenarbeit Italiens und Deutschlands bei den zurzeit schwebenden Problemen geführt werden. Am Sonnabend abend werden Dr. Brüning und Dr. Curtius wieder von Rom abreisen und am Montag früh wieder in Berlin eintresfen.
Vor seiner Abreise hat der Kanzler eine Erklärung abgegeben, in der es heißt: Meinem Kollegen, dem Herrn Reichsurinister des Auswärtigen, und mir ist es eine besondere Freude, die Reise nach Rom anzutreten und die Gelegenheit zu finden, den her- vorragenven Chef der italienischen -Regierung persönlich kennen zu lernen. In Deutschland ist man sich dessen bewußt, daß alle politischen Entscheidungen Italiens in diesen Jahren von hem Gefühl ernstlicher Verantwortung für Europas Befriedung und wirtschaftliche Wiederaufrichtung getragen waren — zwei Ziele, in denen Deutschlands und Italiens Interessen sich durchaus begegnen. In diesem Sinne möchte ich der Hoffnung aus einen harmonischen und erfolgreichen Verlauf der bevorstchenden zwanglosen und freundschaftlichen deutsch-italienischen Besprechungen Ausdruck geben.
*
Vor der Abreise des Kanzlers hat -das Reichskabinett gestern nachmittag noch eine wichtig Sitzung abgehalten, in der eine Reihe schwebender Fragen besprochen und zmn Teil erledigt wurden. In erster Linie handelt es sich dabei um die zurzeit besonders aktuelle Frage der Erntefinanzierung, in der der Reichsminister Schiele eine Anzahl von Vorschlägen unterbreitet hatte, zu denen das Kabinett grundsätzlich zu stimmend Stellung genommen hat. Es hat sich dabei vor allem um Maßnahmen für die Ausfuhr von Weizen nnd Roggen und um eine vorläufige Regelung des Lagerfcheinwes-ns gehandelt. Die technischen Einzelheiten dieser vom Kabinett genehmigten Vorschläge werden erft im Lause des heutigen Tages ausgearbeitet werden, so daß mit der Veröffentlichung heute oder morgen zu rechnen ist. Der wichtigste Beschluß, den das Kabinett gestern noch gefaßt hat, ist die Veröffentlichung der neuen
Reuyork, 6. August.
Der Hauptausfchutz der führenden amerikanischen Banken erklärte sich einstimmig mit den Empfehlungen des Unterausschusses einverstanden. Nach einer Sitzung in der Federal Reservebank, bei der alle Neu- horker Bankiers vertreten waren, gab der Präsident der International Acceptance Bank, der Vorsitzende des Unterausschusses G o o d r u e, folgende Erklärung ab.
Zwischen allen an der Sitzung teilnehmenden Bankiers ist mit Hinsicht auf die von den Neuvorker Banken in dieser Frage einzunehmende Haltung in Uebereinstimmung mit dem Geiste der Zusammenarbeit, der bereits in früheren Sitzungen geherrscht hat, allgemeine Verständigung erreicht worden. Es wurden gewisse Abänderungen der deutschen Vorschläge, die angeregt wurden und die den Reuyorker Bankiers wünschenswert erschienen, vereinbart. Diese werden der Reichsbank telegraphisch übermittelt werden. Im großen und ganzen stimmen diese Zusätze mit denen, die die übrigen Banken gemacht haben, überein und bedeuten außerdem eine Sicherstellung in gewissen technischen Fragen, die dem amerikanischen Markt eigen sind.
Obwohl es wahrscheinlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, diese strittigen Puntte zwischen Berlin und den beteiligten Märkten auszuglätten pnd vollkommene Uebereinstimmung ihrer Meinun-
Verovdnung über die Sparkassen und Girokassen, über die wir auf Seit« 2 berichten.
Italien und Oeukschland
Rom, 6. August.
Die italienische Presse nimmt nunmehr auch zu den: Besuch der deutschen Staatsmänner Stellung. In der Frage der Kriegstribute, der Abrüstung und der europäischen Solidarität habe, so heißt es, Italien seinen guten Willen von jeher bewiesen und nicht erst seit heute. Auch die Zollunionsfrage wird erwähnt, aber doch nur in dem Sinne, daß Italiens Politik klar und eindeutig sei (?)
Von Interesse ist die Erklärung des „Popolo d'Jtalia" über die Kriegstribute, daß das Feierjahr zwar erst am 1. Juli 1932 abschließen solle, sich aber logischerweise die Staatsmänner noch vorher mit aller Sorgfalt die möglichen Rückwirkungen auf die Banken zu überlegen hätten.
Mussolini habe nicht erst das Jahr 1931 abgewar tet, um festzustellen, daß die Kriegstribute und Kriegsschulden eine Hauptursache der Krise sei, die die Weltfinanz und Weltwirtschaft heimsuche. Der erste große internationale Akt der' faschistischen Regierung sei Mussolinis Vorschlag für die endgültige Bereinigung der Kriegstribute gewesen, der aus dem Dezember.1922 datierte. Man dürfe sagen, daß dieser damalige Vorschlag besser gewesen sei als Da- wes-Plan und Boung-Plan.
Das Blatt Mussolinis erinnert auch an das Won Grandis, daß ein wirtschaftlich und politisch gesichertes Deutschland ein allgemeines Gleichgewicht und eine Beruhigung Europas bringe. Der Friede könne dur durch eine geistige Wiederversöhnung der Völker nur durch eine geistige Wiederversöhnung der Völker, der juristischen Unglelchheiten zwischen den einzelnen Völkern erreicht werden. Der Völkerbund müsse ein Bund von Staaten sein, die in gleicher Weise souverän seien und in dem gleichen Range in moralischer und politischer Beziehung ständen. Die „Stampa" schreibt,
die guten Beziehungen zwischen Italien und Deutschland würde» in der Begegnung von Rom ihre Bestätigung und Bekräftigung finden, und so werde Italien in den aktiven Gesamtplan europäischer Zusammenarbeit hineingestellt, den es zur Grundlage seiner Außenpolitik mache und der zu weitere» Besuchen von Staatsmännern untereinander führen wird.
Die „Gazzetta" bei Popolo" sagt, das faschistische Italien begrüße den Kanzler Brüning mit Sympathie und Herzlichkeit als Vertreter des deutschen Volkes, unabhängig von jeder innerpolitischen deutschen Frage in die Italien sich in keiner Weise einmischen wolle. Keinem werde es einfallen, von dieser Begegnung zu erwarten, daß sie sich gegen irgendeinen Staat richte.
gen herbeizuführen, kann doch gesagt werden, daß die Sitzung höchst befriedigend war und der Eindruck allgemein vorherrschte, daß ein wirklicher Fortschritt erzielt worden sei. Der Plan geht in Uebereinstimmung mit den ausgangs der Londoner Konferenz angenommene» Vorschlägen des Präsidenten Hoover dahin, die vom Ausland gewährten k u r z - f listige» Krediterleichterungen auf einer praktischen und vernünftigen Basis weiter zu gewähren, sodaß Deutschland imstande ist, die Einfuhr und Ausfuhr mit den zur Verfügung stehenden Erleichterungen zu finanzieren.
Severing zum Volksentschetv
Magdeburg, 6. August.
Der preußische Innenminister Severing sprach hier gestern über den Volksentscheid Schlimmer noch als die gegenseitige Selbstbeschuldigung sei bte politische Selbstzerfleischung der Volksentscheid. Nach seiner Ansicht dürfe es für einen preußischen Beamte n, der es für vereinbar mit seinem Diensteid halte, die Unruhe in den Massen zu vermehren, keinen Raum mehr in der preußischen Verwaltung geben. Wenn man aber sage, daß in dieser Hinsicht die preußische Regierung bisher zu nachsichtig gewesen sei, so betone er, so wenig wie er wünsche, daß Parteifreunde von ihm von einem Minister gemaßregelt
werden, so wenig könne er sich dazu bereitfinden, Beamte zu schädigen, weil sie eines anderen politischen Glaubens seien.
Dann behandelte Severing die Entstehungsgeschichte des Volksbegehrens. Er ging dabei auf die eigentlichen Vorwürfe gegen die preußische Regierung ein. Gegenüber dem Vorwurf der Parteibuchbeamten meinte der Minister, früher habe nur eine Klasse den Posten besetzt, und es sei höchste Zeit gewesen, daß ein Schichtwechsel eingetreten sei. Wichtig seien aber vor allem die Fragen der Außenpolitik. Ein Sieg des Volksbegehrens sei gleichbedeutend mit dem Einfrieren der Kredite.
Antwort auf die Brüning-Rede
Berlin, 6. August.
Unter Bezugnahme auf die Ausführungen des Reichskanzlers über feine Stellungnahme zum Volks-
Moskau, im August.
Die Sowjetunion beschloß, die Geheimdokumente über die Vorbereitung des Weltkrieges und den Weltkrieg selbst in einem großzügigen, mehrere Bände umfassenden Werke der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Diese Geheimmaterialien der zaristtschen Regierung umfassen drei Serien: die erste beleuchtet die Periode 1878 bis 1903, die zweite 1904 bis 1913, die dritte 1914 bis 1917. Die Herausgabe der dritten Serie wurde zuerst in Angriff genommen. Von dieser Serie ist der erste Band, der die ersten beiden Monate des Jahres 1914 beleuchtet, bereits herausgelommen, wird aber im Buchhandel erst in einem oder zwei Monaten rrhältlich sein. Voraussichtlich wird diese Serie fünf Bände umfassen.
Sowohl „Jswestija" wie „Prawda" veröffentlichten Auszüge aus einigen Geheimdokumenten. Aus diesen geht hervor, daß der Krieg gegen die Mittelmächte bereits lange vor dem Mord von Serajewo und dem. österreichischen Ultimatum von der entente cordiale vorbereitet wurde. Da Denffchland seit Beendigung des Krieges um die Wahrheit in der Schuldfrage kämpft, verdienen diese Dokumente ganz besondere Beachtung.
Die Auszüge, die die beiden genannten Zeitungen gäben, unterscheiden zich nur dadurch, daß sie teilweise in der einen oder andern ausführlicher sind. Aus diesem Grund habe ich sie gegenseitig ergänzt. Den Leser wird zunächst das doppelte Datum in Verwunderung setzen. Es handelt sich natürlich nur um eine Gegenüberstellung des gregorianischen und juli- nischen Kalenders. Ich lasse een Wortlaut der Auszüge folgen, die ein beredtes Bild von den Kriegsvorbereitungen der Entente geben und wohl keines weitern Kommentars bedürfen:
Finanzielle Vorbereitungen
Auszug aus dem Protokoll des Finanzkomitees ,vom März 27./14.März 1914.
. . . Im Zusammenhang mit der Frage unserer ausländischen Barbestände ist infolge der kompliziert gewordenen internationale» politischen Beziehungen in letzter Zeit die Frage der Erhaltung der bei ausländischen Bankiers liegenden Summen entstanden. . . . Eine vom Finanzministerium vorgenommene Untersuchung dieser Frage hat gezeigt, daß, nach Ansicht des Finanzkomitees, auf Grundlage der bestehenden Konventionen und insbesondere der Haager Konferenz diese Frage nicht als in für uns günstigem Sinne gelöst betrachtet werden kann. Jedenfalls ist bis jetzt noch nicht der Zweifel beseitigt an der Möglichkeit einer Beschlagnahme des dem russischen Fiskus und der Staatsbaick gehörenden Geldes, der Fonds und der Schuldforderungen durch den mit Rußland Krieg führendeik Staat, sondern auch auf dem vom letzteren besetzten Gebiets desjenigen Landes, das im Bunde mit Rußland an dem Kriege teilnehmen würde ...
Zweifellos am meisten gefährdet sind die Summen, die bei den Bankiers des Landes liegen, gegen das man unmittelbar die militärischen Aktionen wird beginnen müssen. Aus diese» Erwägungen heraus ergriff das Finanzministerium, wie bereits obe» erwähnt, Maßnahmen zur Verringerung unseres Goldbestandes im Auslande. Insbesondere wurde unser Barbestand in Deutschland in den letzten Jahre» stark verringert, und gegenwärtig entfallen auf Deutschland von der Gesamtsumme von etwa
enffcheid haben im Anschluß an die Kundgebung deS Stahlhelm die nachstehend genannten Persönlichkeiten folgende Erklärung abgegeben:
„Als Staatsbürger — nicht als Parteipolitiker — erklären wir dem preußische» Volk, daß es uns am 9. August an der Wahlurne sehen wird. Nicht Vertuschung der parteipolitischen Gegensätze ist das Gebot der Stunde, sondern Klärung der wahren Volksmeinung, die allein die Voraussetzung schassen kann für eine diese Gegensätze überwindende schöpferische Synthese."
Diese Erklärung wurde unterzeichnet von folgenden Persönlichkeiten: Bethge, Dr. Martin Blank, von Dommes, Duesterberg, Graf Eulenburg-Wicken, Gras von der Goltz, Heye Dr. H u g e n b e r g. von Jena, Graf Kalckreuth. Kirdorf, Freiherr von Landsberg, Dr. Lübbert, von Mackensen. Dr. Maretzky, von Morozowicz, Friedrich Reinhardt, Franz Seldte, Dr. Hjalmar Schacht, von Sybel, Freiherr von Walter, Baro» Wedel, W i n n t g.
670 Millionen Rubel unseres ausländischen Bestandes nur 59 Millionen Rubel. Jedoch der Finanzminister sand es für möglich, auch diese Summe noch etwas zu verringern...
Seinerseits hielt es das Finanzkomitee für erwünscht, die obenerwähnte grundsätzliche Frage einer kompetenten Erörterung zu unterwerfen und zu diesem Zwecke den Leiter des Finanzministeriums zu beauftragen, dies unter Beteiligung des Außenministers und des Finanzministers zu klären. Ferner wenn diese Untersuchung irgendeine Berechtigung für die in dieser Frage entstehenden Befürchtungen ergibt, müßte das Finanzministerium die weitere Frage erwägen, wie das Verbleiben staatlicher Summen in Deutschland zu vermeiden wäre, bei der Notwendigkeit, einige unserer Anleihen gemäß den Bedingungen ihrer Herausgabe in diesem Lande zu bezahlen. Aus den ersten Blick erscheint es möglich, eine solche Bezahlung auf Kommissionsgrundlagen und durch Batcken anderer Staaten zu organisieren, die in Deutschland nur ihre Filialen oder Korrespondenten haben. Jedoch ein solcher Beschluß, der mit der Abhebung unserer Summen von den deutschen Banken zusammenhing, stieß auf große Schwierigkeiten angesichts der Tatsache, daß einige dieser Banken seit langem russische Korrespondenten waren und dem russischen Kredit bei der Unterbringung der Anleihen große Dienste erwiesen hatten. Auch für die Zukunft ist die Möglichkeit eines Abschlusses von Anleihen in Deutschland durch Vermittlung der erwähnten Banken nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern sogar wahrscheinlich. Die Einziehung unserer Summen von denselben würde uns aber vollständig den deutschen Markt sperren, abgesehen davon, daß eine solche Maßnahme für einen Mi offener Feindseligkeit angesehen und als solcher die internationalen Beziehungen komplizieren würde...
„Oie Blüte der Militärmacht"
Auszug aus dem Geheimbericht Nr. 70 des Militär- agente» in Frankreich. Ignatjew, an de» Ches des Generalstabes Januschkewitfch vom 27. 3. bis 9. 4.1914
.... Im Februar dieses Jahres erstattete ich während meines Urlaubsausenthaltes in St. Petersburg dem Ches des Generalstabes, General Shilinskij, einen Bericht, wobei Seine Exzellenz, als Antwort auf das mir vom französischen Kriegsministerium erwiesene Vertrauen, es für nötig hielt, Generalleutnant Bjeljaiew zu beauftragen,
mich in unser großes Programm einzuweihe», da. mit ich dadurch nicht nur den Verbündeten mit Vertraue» vergelten, sonder» auch ihnen eine Handhabe für die Zurückweisung der V o r w ü t f e in bie Hände spielen könnte, die in diesem Winter in Frankreich hinsichtlich unserer ungenügenden Kriegsbereitschaft laut zu werden begannen Nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub habe ich dem Chef des französischen Generalstabes, General Iofs- re, und dem Kriegsminister, Herrn Noulens, mündlich ein Bild unserer Reformen gezeichnet, dem letzteren nur in ganz allgemeinen Umrissen. Beide Ware« von meinem Bericht äußerst befriedigt, wobei der Kriegsminister mir de» ganzen Morgen des Sonntags widmete. Während der drei Stunden dauernden Unterredung berichtigte Herr Noulens persönlich die Zahlen des oben erwähnten Geheimprogramms gemäß den neuen Angaben und äußerte die Bereitwilligkeit, auch fernerhin die Nachrichten z« ergänzen, die für uns von besonderem Interesse sei« könnten. Während des Gesprächs über die afrikanischen Truppen schlug mir der Kriegsminister u. a. vor,
Oie amerikanischen Gegenvorschläge
Eine Erklärung der Bankiers zur Kreditfrage
Oie russische Akten-Veröffentlichung:
Gegen die Kriegsschuldlüge!
Von unserem ständigen Korrespondenten Karl-Hans Görbing.