Kasseler Abendzeitung
chckrahlung
Rümmer 185*
Montag, 10. August 1931
21. Jahrgang
n Fällen von höhere! Gewalt besteht fein Anspruch aus Lieferung der Zeitung oder aus , - - -ierugSvreise». Berlag. Schristleiwng und Druckerei: Kölnische Straße 10. — Telephon: taiwmaex 6800. gurrsrrsche Sprechstunden Dienstag und Freitags 17—1» Uhr Kölnische S»ratze 10. L
Hessische Abendzeitung
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Kasseler Neueste NachWen
Oer Volksentscheid ohne Erfolg
Das Abstimmungsergebnis im Spiegel -er Auslan-spreffe / Preußen und die Reichsreform / Stimfon für Herabsetzung -er Kriegsfchul-en?
9,79 Millionen Ja-Stimmen
Rur 32,1 Prozent -er Stimmberechtigten stimmten für -en Volksentscheid
Berlin, 10. August.
Aach einer Mitteilung des Amtlichen Preußischen Pressedienstes haben die bisherigen Feststellungen ber das Ergebnis des Volksentscheids ergeben, daß in ganz Preußen 9 793 603 Ja-Stimmen abgegeben worden find.
Damitz dürften rund 2 6,3 Millionen Stimmberechtigte erfaßt sein. Die Gesamtzahl der Stimmberechtigten auf Grund der Statistik der letzten Reichstagswahl beträgt 26,4 Millionen. Die danach noch ausstehenden 85000 Stimmberechtigten verteilen sich erfahrungsgemäß auf viele Kreise und werden voraussichtlich erst später erfaßbar sein. Im ganzen haben 3 7,1 Prozent der Stimmberechtigten mit Ja gestimmt.
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überraschend niedrige Ergebnis des preußischen Volksentscheids dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, daß einmal die Kommunisten die von ihrer Parteileitung ausgegebene Parole nur in gewissem Umfang gefolgt sind, und daß vor allem die bürgerlichen Mittelpartei e n, soweit sie von den verschiedenen Parteivor- sitzenden eine Empfchlung zur Beteiligung am Volksentscheid erhielten, sich einer weitgehenden Zu- rückhaltung befleißigt haben. Die Parole Kahl ist offensichtlich weit ftärfer befolgt worden als die Parole Dingeldey. In Bezug auf die Kommunisten läßt sich vor allem an den Einzelergebnissen derjenigen Kreise und Bezirke, die überwiegend Arbei- terbevölkerung haben, unzweideutig feststellen, daß in diefön Bezirken eine auffallend geringe Wahlbeteiligung zu verzeichnen ist. Aber auch die Gefolgschaft der rechtsstehenden Parteien hat die Erwartungen ihrer Führer nicht in vollem Maße erfüllt, denn auch in diesen Kreisen sind nicht diejenigen Ueberschüffe über die absolute Mehrheit erzielt worden, die notwendig gewesen wären, um di« selbstverständlichen Fehlbeträge anderer Kreise wieder auszugleichen.
Die Mindestschätzungen der preußischen Regierung lagen bei 10 Millionen Stimmen; aber wenn diese Zahl vorher genannt wurde, hielt man dies für ausgesprochen tendenziösen Optimismus, und in Wirklichkeit haben alle maßgebenden Stellen in Berlin wohl ernsthaft dann» gerechnet, daß das Stimmenergebnis zum mindestens sehr nahe an die erforderlichen 13)4 Millionen herankommen würde. Umso größer ist daher die
allgemeine Ueberrafchung über die verhältnismäßig niedrige Zahl der abgegebenen Stimmen, denn, wie aus der obenstehenden Meldung hervorgeht, sind nur 37 Prozent Ja-Stimmen abgegeben worden, also nur die Hälfte mchr als beim Volts-
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begehren. Die Zahl von 632 000 Stimmzetteln, die entweder auf Nein lauteten oder ungültig waren, ist nicht allzuhoch. Man könnte darin den Beweis dafür erblicken, daß die Befürchtungen übertrieben waren, in denen vorher von starkem Wahlterror gesprochen wurde.
Wenn auch die am Volksentscheid beteiligten Parteien ihre Stimmziffer vom 14. September kaum irgendwo erreicht haben, so ist man sich doch in Berliner Regierungskreisen, wie unsere Berliner Schriftleitung meldet, natürlich darüber im Klaren, daß man aus dem gestrigen Stimmergebnis keine unmittelbaren Rückschlüsse auf eine eventuelle neue Parlamentswahl ziehen kann. Wenn morgen der Reichstag neu gewählt werden sollte, so würde man wahrscheinlich mit ganz anderen Ergebnissen und einer viel stärkeren Wahlbeteiligung zu rechnen habe, da die gestrige Abstimmung offensichtlich doch sehr stark unter den unnatürlichen politischen Voraussetzungen des Volksenffcheids und vor allem unter der Zusammenfassung der gegnerischen Extreme durch die gleiche Parole gelitten hat.
Die Tatsache des gescheiterten Volksenffcheids wird natürlich nicht nur bei der preußischen Regierung, sondern
auch bei der Reichsregierung begrüßt, da nun die innerpolitischen Erschütterungen nicht mehr zu gewärtigen sind, die andernfalls im Zusammenhang mit einer vorzeitigen Neuwahl in Preußen unvermeidlich gewesen wären. Vor allem aber kann nun der Kurs der Reichs-Politik ungestört fortgesetzt werden, und besonderes Gewicht legt man in maßgebenden Kreisen darauf, daß auch im Auslande der Eindruck der sehr niedrigen Stimmziffern voraussichtlich sehr günstig sein wird. Die preußischen Neuwahlen werden nun programmäßig voraussichtlich im April stattfinden.
Lin Schritt zur Reichsreform?
Inzwischen werden nun veffchiedene wichtige Reformarbeiten vom Reich und den Länder unverzüglich in Angriff genommen werden. Nach der Rückkehr des Kanzlers aus Rom nach Berlin wird das Programm der nationalen Selb st Hilfe noch heute in Angriff genommen und wahffcheinlich bald fertig gestellt werden, und in diesem Rahmen werden nun voraussichtlich die Pläne des preußischen Ministerpräsidenten Braun eine besondere Rolle spielen. Diese Pläne lausen auf die praktische Verwirklichung eines wichtigen Kapitels der Reichsreform hinaus. Geplant ist vor allem die
Zusammenlegung mehrerer preußischer Ministerien mit den entsprechenden Ministerien des Reiches
So stände z. B. eine Zusammenlegung des Reichs- ernährunasministeriums mit dem preußischen Land- wirffchastsministerium, ferner des Reichsverkehrsministeriums mit dem preußischen Handelsministerium und vor allem natürlich die Zusammenfassung der beiden Justizministerien des Reichs und Preußens in Frage.
Schwere Zwischenfälle in Berlin
2 Polizeioffiziere erschossen — Die Verluste der Kommunisten noch nicht festgestellt.
Berlin, 10. August.
Nachdem der Wahltag $nr Zeit der Abstimmung selbst ruhig verlaufen war, sammelten sich gegen Abend zahlreiche Menschen vor dem Haus der „Ro- It* Fahne", um das Abstimmungsergebnis zu erfahren. Die Polizei hatte meß :re starke Patrouillen nuSgefaitot. Plötzlich fielen gegen 20.15 Uhr vor dem Kinotheater „Babylon" mehrere Schüs- s e, durch die der Polizechauptmann Anlauf und der Polizeihauptmann Lenk getötet wurden. Sofort eingesetzte Schupomannschasten säuberten mit
blanker Waffe und gezogener Pistole den Bülowplatz. Bei den sich hierbei ereignenden Zusammenstößen wurden auch Zivilisten getötet, deren Zahl jedoch nicht festgestellt werden konnte. Ein Gerücht, das von 15 Toten wissen wollte, wird von der Polizei als unwahrscheinlich bezeichnet. In den Rettungsstellen wurden ein Toter und 15 Schwerverletzte von feiten der Kommunisten eingeliefert.
Bei Vernehmung der Augenzeugen wurde bis fetzt festgestellt, daß der Mörder der beiden Hauptleute diesen von vorn entgegengetreten ist. Der Schütze feuerte feine Pistole auf etwa 5 Schritte Entfernung ab. Hauptmann Anlauf brach sofort tot zusammen, während Hauptmann Lenk dem Schützen, der in den Vorraum des Kinos geflüchtet war, sofort nach- stürzte. Nach einigen Schritten brach aber Hauptmann Lenk infolge feiner schweren Verletzung gleichfalls zusammen. Im allgemeinen Tumult gelang es dann dem Attentäter, zu entkommen. Für Auffindung der Täter oder ihrer Hintermänner hat der Polizeipräsident eine Belohnung von 3000 Mk. ausgesetzt.
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Berlin, 10. August.
Im Anschluß an die Vorgänge auf dem Bülowplatz wurde, toi. aus ergänzenden Polizeimeldungen bekannt wird, gegen Uhr auch aus den Häusern zwei und drei der Lothringer Straße auf Polizeibeamte geschossen. Die Polizei drang unter Feuerschutz in die Häuser ein. Die Untersuchung blieb erfolglos. Tas Feuer verstummte bei Eindringen der Beamten. Auch aus dem Hause Jostvstratze U wurden zur gleichen Zeit mehrere Pistolenschüsse gegen haltende Polizeikraft toagen abgegeben. Das Haus wurde durchsucht und eine verdächtige Person konnte festgenommen und der Abteilung la eingeliefert werden.
Tas Karl Liebknecht-HauS, das gestern nacht im Zusammenhang mit den Tumulten am Bülowplatz polizeilich abgeriegelt wurde, ist auch heute
morgen noch gesperrt. Es darf niemand das Haus betreten oder verlassen.
Die beiden englischen Journalisten D elmer und' Nicholsel, die die Londoner Zeitung »Daily Expreß" in Berlin vertreten, wurden heute nachmittag, als sie vor einem Abstimmenslokal in der Kösliner Straße photographische Aufnahmen machen wollten, von Kommunisten angegriffen und zu Boden geschlagen. Beide Journalisten trugen einige Verletzungen davon. Den Kommunisten gelang es, sich der polizeilichen Festnahme durch die Flucht zu entziehen.
In der Provinz ist der gestrige Sonntag, von einigen Zwischenfällen in Kiel und Altona abgesehen, ruhig verlaufen.
Ein nationalsozialistischer Kommentar
München, 10. August.
Die Pressestelle der Reichsleitung der N S. D. A. P. veröffentlicht eine Stellungnahme zum Volksentscheid in der es u. a. heißt: Der Volksentscheid des Stahlhelms, dem die N. S. D. A. P. aus nationaler
Disziplin ihre Unterstützung nicht versagt habe, habe zwar ein zahlenmäßiges Ergebnis, das für die sofortige Auflösung des längst überfälligen preußischen Landtages ausreiche, nicht gebracht, müsse aber angesichts der Tatsache, daß rund 10 Millionen wahlberechtigte preußische Staatsbürger der Regierung vor aller Oeffentlichkeit ihr schärfstes Mißtrauen zum Ausdruck gebracht haben, als ein Erfolg der nationalsozialistischen Opposition gewertet werden. Die Nationalsozialisten, die in der letzten Zeit ganz unzweifelhaft die Hauptlast des Kampfes getragen hätten, könnten diesen großen Erfolg umsomehr für sich in Anspruch nehmen, als die Erfahrungen des gestrigen Tages gezeigt haben, daß die Anhänger nahezu aller anderen Parteien und Organisationen, die sich an dem Volksentscheid des Stahlhelms beteiligt haben, mehr oder weniger versagt hätten. Nach den Beobachtungen der gestrigen Abstimmung habe sich gezeigt, daß von den rund 10 Millionen Preußen, die offen gegen die Regierung gestimmt hätten, mindestens 6 bis 7 Millionen auf das Konto der Nationalsozialisten zu setzen sei.
„Freie Bahn für Brüning"
Das Ausland zum Scheitern -es Vottsenffchei-s
Paris, 10. August.
Zu dem Ergebnis des Volksentscheides schreibt „Petit Journal": Der Reichskanzler, der heute nach Berlin zurückkehre, werde seine Aufgabe durch den Ausfall der Volksabstimmung beträchtlich erleichtert finden, und die nächsten internationalen Verhandlungen, von denen er so viel moralische Ergebnisse erwarte, würden endlich möglich werden.
„M a t i n" schreibt, es habe gestern nicht nur das Schicksal einer Regierung auf dem Spiel gestanden, sondern das Schicksal des Kredits Deutschlands, der schon recht schwankend und geschwächt gewesen sei.
„Oeuvre" sagt, man müsse das Ergebnis begrüßen, das die Regierung Braun und ebenso die Regierung Brüning konsolidiere. Es müsse nunmehr die Möglichkeit bieten,
die in Paris eingeleitete — oder besser gesagt — wieder aufgehobene Politik der Zusammenarbeit weiter zu verfolgen.
„6re Nouvelle" meint, für den Augenblick wolle man für diesen Sieg der deutschen Demokratie nur eine Erklärung finden: Das deutsche Volk habe nach den Unterredungen von Paris und London endlich begriffen, daß für Deutschland nur in einer Politik der Entspannung und der europäischen Zusammenarbeit das Heil liegen könne.
„Populaire" schreibt, das deutsche Proletariat habe die deutsche Republik und damit den Frieden in Europa gerettet.
Die Blätter des französischen Nationalismns find auf einen anderen Ton abgestimmt.
So schreibt das Journal", es ergebe sich aus dem Ergebnis nicht, daß die Anhänger der Elemente der Unordnung ziffernmäßig zurückgegangen seien. Man werde daher begreifen, daß noch nicht der Augenblick gekommen sei, die von Frankreich geforderte und von Ministerpräsident Laval so nachdrücklich vertretene Earantiepolitik aufzugeben.
Figaro" ruft aus „In Berlin nichts Neues!" Die preußische Regierung sei nichtsdestoweniger sehr geschwächt, schon durch die Tatsache, daß der Volksentscheid möglich gewesen sei, und daß die Opposition trotzdem eine große Zahl von Stimmen aufgebracht habe.
„Echo de Paris" meint, man müsse den Ausfall des gestrigen Volksentscheids begrüßen, der unmittelbare finanzielle Verwicklungen ausschalte und einer vernünftigen Politik nicht den Weg versperre. Aber man wäre sehr naiv, wenn man sich einbildete, daß die Schwierigkeiten, auf die diese Politik stieße, dadurch vermindert worden wären.
Das „Echo de Paris" glaubt zu wissen, daß angesichts des Mißerfolges der Volksabstimmung nichts mehr im Wege stehe, den Zeitpunkt des Besuches des Ministerpräsidenten und des Außenministers in Berlin festzu, etzen.
Ein Wink für Frankreich
Neuyorker Preffestimmen.
Reuyork, 10. August.
Das Ergebnis des Volksentscheids in Preußen wird von der Neuvorker Presse mit großer Befriedigung ausgenommen. Tie Neuyorker „He- rald Tribüne" nennt die Abstimmung das freudigste Ergebnis feit langer Zeit. Das Ergebnis fei eine vernichtende Niederlage des Stahlhelms und der Na- tionalfozialisten und ein ermutigender Sieg der Brü- ning»9iegierung. Reichskanzler hjU jetzt jjgjfc.
Bahn für seine Politik. Di» internal io., ul: Bankwelt habe ein solches Zeichen der Stabilität in Deutschland erwartet. Das Ergebnis solle eine Anregung-für die Pariser Regierung fein, sich um die Verständigung mit Deutschland zu bemühen.
Lon-on nicht überrascht
London, 10. August.
Die maßgebenden Zeitungen in London nehmen das Ergebnis des Volksentscheids in Preußen alS eine Tatsache hin, die man hatte erwarten können. Daß annähernd 10 Millionen gegen die Regierung
Das Eisenbahnattentat bei Jüterbog
Berlin, 10. August.
Arn Sonntag ist auf den Schnellzug Basel—Berlin, der um 22,22 Uhr in Berlin eintreffen soll, ein Sprengstoffattentat verübt worden. Sieben Wagen entgleisten; drei Personen wurden schwer, 16 leichter verletzt.
Ans der Strecke zwischen Jüterbog und Grüna— Kloster Zinna, die bis heute morgen nur eingleisig befahren werden konnte, ist heute früh der zweigleisige Betrieb wieder ausgenommen worden. Die Räumungsarbeiten werden fortgesetzt. Von den Schwerverletzten konnten zwei Personen, von den Leichtverletzten drei in häusliche Pflege entlassen werden- Lebensgefahr besteht bei niemandem mehr. Die Untersuchung der Staatsanwaltschaft geht weiter. (Einen ausführlichen, illustrierten Bericht über das Attentat finden unsere Leser auf Seite 1 der 2. Beilage.)
abgegeben worden find, wird als bemerkenswert an- gefehen.
Die liberale „New Chronicle" und der sozialistische „Daily Herald" bringen in Leitartikeln ihre B— friebigung zum Ausdruck, daß sich in Preußen nichts geändert habe. Die Ruhe Europas werde also nicht gestört werden. Die Erfahrungen der letzten zehn Jahre, fo fagt „Daily Chronicle" hätten gezeigt, daß ein stabiles Deutfchlands für die Stabilität Europas notwendig fei.
SOprozentige Herabsetzung
-er Kriegsfchul-en
London, 10. August.
Das Sonmagsblatt „The People, das demselben Besitzer gehört, wie das Arbeiterblatt „Daily Herald", aber in keiner offiziellen Verbindung mit der Labonr- Party steht, veröffentlichte gestern als Hauptmeldung eine Mitteilung über die geheimen Besprechungen zwischen dem britischen Premierminister Mardvnald und dem amerikanischen Staatssekretär Stimfon im fchottffchen Hochland.
Das Blatt glaubt, Grund zu der Annahme zu haben, daß diese Besprechungen das Vorspiel zu einer allgemeinen Streichung der Kriegsschulden sein könnten. Maedonald und Stimfon stimmten, wie das Blatt wissen will, darin überein, daß die Rationen nicht länger diese riesigen Lasten tragen könnten. Sie hätten die Vorteile und Nachteile des Planes einer allgemeinen Verminderung der Kriegsschulden um 50 Prozent erörtert, die kürzlich hinter der Seine in Finanzkreisen angeregt worden sei.