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Nummer 230*
Donnerstag. 1. Oktober 1931
21 Jahrgang
Oie neue Notverordnung in Gicht!
Das Wirtschaftsprogramm noch einmal vertagt / Veröffentlichung der Notverordnung am Sonnabend? / Innerpolitifche Konfliktstoffe
Kanzler und Sozialdemokratie
(Von unserer Berltner Schrtstleitung).
Bekenntnis zur Selbstverantwortung
Eine Forderung deutscher Oberbürgermeister
Die deutsche» Städte besiude» sich in einer Krise der Selbstverwaltung. Aus diese« Anlab haben wir ä» eine Reihe deutscher Oberbürgermeister die Frage gerichtet: „Halte« Sie «uter de» heutige» Umstände» ■ine Einschränkung der Selbstverwaltung und Selbftoerantwortung der Städte sür notwendig »6er wün- icheusivert?" Sämtliche Antworten und ein Bekenntnis zur Selbstverwaltung und Selbftoerantwortung:
th. Berlin, 1. Oktober.
Die mit Spannung erwartete Besprechung de ^Reichskanzlers mit den Sozialdemokraten, die gestern nachmittag stattgefunden hat, scheint nach den Mitteilungen der beteiligten Verhandlungspartner nicht die Bedeutung gehabt zu haben, die man ihr ursprünglich zugesprochen hatte. Es wird jedenfalls versichert, daß es sich nur um eine der üblichen Aussprachen gehandelt habe, und daß die Führer der Sozialdemokraten vorläufig noch nichts haben davon erkennen lassen, daß sie stark unter dem Druck ihres linken Flügels stehen. Es ist allerdings sehr wohl möglich, daß sich dieser Druck erst nach dem Zusammentritt der Reichstagsfraktion der SPD. stärker bemerkbar machen und dann entsprechend auswirken wird. Die Sozialdemokraten sind gestern nachmittag vom Reichskanzler über die in Aussicht stehende neue Notverordnung unterrichtet worden.
Diese Verordnung dürfte sich im wesentliche» aus finanzielle, mit dem Etat zusammenhängende Fragen erstrecken, während die ursprünglich geplanten Maßnahmen auf dem Gebiete der Privatwirtschaft, die also das Kartell- nnd Tarifwesen betreffen sollten, nunmehr außer Betracht bleibe», bis man die Auswirkungen der Vorgänge in England besser überblicken kann.
Deshalb liegt auch für die Sozialdemokraten vorläufig Noch kein Grund zu einer oppositionellen Haltung vor. lieber die Aenderung der Juni- Notverordnung ist in der gestrigen Unterredung zwischen dem Kanzler und den Sozialdemokraten ebenfalls gesprochen worden; diese Aenderungen werden nunmehr ein besonderes Kapitel in neuen Unterredungen bilden. Darüber ist jedoch schon vor längerer Zeit eine Verständigung zwischen Sozialdemokraten und Regierung zustandegekommen, so daß hier kaum Konfliktstoff vorliegt.
Die Sozialdemokraten haben einen parteioffiziösen Bericht über die gestrige Besprechung herausgegeben, in welchem hervorgehoben wird, daß die Vertreter der Partei besonderes Gewicht darauf legen, daß eine weitere Herabsetzung der Unterstützungssätze in der Arbeitslosenversicherung nicht mehr zu tragen sei, und daß vor allem die Härten aus der Juni-3!otverordnung gemildert werden müssen. Der Kanzler hat beides zur Kenntnis genommen, und es ist anzunehmen, daß diesen Forderungen der SPD. im wesentlichen entsprochen wird.
Mißverständnisse
Im Verlauf der gestrigen Aussprache hat der Reichskanzler erklärt, daß die Pressemeldungen, wonach sich die Reichsregierung mit dem Programm der wirtschaftlichen Verbände, welches dieser Tage veröffentlicht wurde, identisch erklärt, jeder Begründung entbehren. Dieses Programm ist inzwischen der Gegenstand ziemlich lebhafter öffentlicher Auseinandersetzungen geworden. Nachdem die Regierung, gestern mittag den Siandpunkt eingenommen hatte, daß dieses Programm der Wirtschaftsverbände keineswegs als eine Kampfansage an die Regierung aufgefaßt werde, sondern vielmehr als eine sachliche Unterstützung der Regierungsarbeit, hat sie sich den Sozialdemokraten gegenüber inzwischen genötigt gesehen, in gewissem Sinne von diesem Programm wieder abzurücken. Durch diese verschiedenartigen Erklärungen ist zweisellos eine gewisse Unsicherheit in der Beurteilung der Besprechungen zwischen der Regierung und den Spitzenverbänden der Wirtschaft entstanden.
Neun punkte
Das Reichskabinett hat im übrigen gestern vormittag und nachmittag die Beratungen über die neue Notverordnung fortgesetzt, die nunmehr wahrscheinlich am Sonnabend verkündet werden kann. Sie wird, wie man annimmt, im wesentlichen auf folgende Punkte beschränft bleiben:
1. Verlängerung des jetzt geftenden Etats um ein Vierteljahr.
2. Vornahme einer Reihe von Kürzungen an den verschiedenen Kapiteln des Haushaltsplanes,
3. Die Aenderungen der Notverordnung v. 5. Juni 4 Die Sparmaßnahmen am Personal-Etat.
Dabei steht auch jetzt noch nicht fest, ob es sich um direkte Kürzungen der Beamtengehälter oder um eine Beförderungs'^rre verbunden mit Pensionskurzungen handeln Mrd. Beide Maßnahmen sollen einen Betrag von 50—60 Millionen Mark erbringen
5. Abbau der Hauszinssteuer.
6. Eine Aenderung der Tabaksteuer.
7. Festlegung der in Aussicht genommenen Fonds für die Nnterstützung der durch die Wohlsahrts- jürsorge besonders schwer belasteten Gemeinden.
Diese Fonds waren ursprünglich schon auf 60 Millionen Mark bemessen. Da sie aber infolge der Zusammenlegung der Krisensürsorge mit der Wohlfahrtsfürsorge, die vom Deutschen Städtetag vorgeschlagen ist, nicht zustandekommen werden, muß man diese Fonds auf 230 Millionen erhöhen. Die erforderlichen Mittel dazu werden im wesentlichen aus den Ersparnissen kommen, die am Etat durch das Inkrafttreten des Hooverplanes gemacht werden. Alles das sind, wie man sieht, Maßnahmen, die unmittelbar mit dem Etat in Zusammenhang stehen. Dazu kommt noch
die Einsetzung von Sondergerichten und die In kraftfetzuirg des Schenkervertrages.
Die ursprünglich geplanten Maßnahmen aus den Gebieten des Kartell- und Tarifwesens und der volkswirtschaftlichen Ermächtigung werden, wie gesagt, in der bevorstchenden Notverordnung wahrscheinlich noch nicht geregelt werden.
Auch die Siedlungsfrage geklärt?
Berlin, 1. Oktober.
Tas Reichskabinett ist, wie wir erfahren, heute vormittag nm ,411 Uhr wieder zusamm.ngetretien, Um seine Beratungen über die neue Notverordnung fortzusetzen. Es ist anzunehmen, daß sich das Kabinett hxute wiederum bis in die späten Abendstunden mit den vorliegenden Problemen befassen wird. Es läßt sich aber noch nicht übersehen, tote weit die Arbeiten fortgeschritten sind, dock will man in gut unterrichteten Kreisen wissen, daß ein Teil der gestellten Probleme, insbesondere die Siedlungssrage, geklärt ist.
Paris. 1. Oktober.
In gut unterrichteten Kreisen rechnet man damit, daß Lavalzu seiner Amerikareise sich zwischen dem 12. und 14. Oktober an Bord eines französischen Passagierdampfers einschiffen wird. Während seiner Abwesenheit wird er durch den ehemaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Landwirtschaftsminifter Tar- dieu vertreten.
Die Tatsache, daß T a r d i e u und nicht der älteste Ressortminister den Ministerpräsidenten vertreten wird, ist besonders bemerkenswert. Tardieu gilt in Frankreich nach wie vor als der kommende Mann. Wenn heute die Opposition von einem Kabinett Laval-Tardieu spricht, so trifft dies insofern zu, als der ehemalige Ministerpräsident der treueste Berater Lavals ist und dieser den Ratschlägen seines Landwirtschaftsministers weitgehend Gehör schenkt. Bei Antritt der Berliner Ministerreise, war es auch Tardieu, mit dem Laval bis zum Abgang des Zuges verhandelte.
„Politik der Illusionen"
Die Radikalsozialisten gegen den Optimismus der Regierung Laval.
Die ravikalfozialistische Partei Frankreichs, die «mit ihren 121 Mitgliedern die stärkste Partei in der Kammer ist, veröffentlicht zu ihrer Jahrestagung eine Kundgebung, in »er sie sich gegen die von der Regierung verbreitete optimistische Stim- utungsmache wendet. In der Kundgebung heißt es unter anderem:
Man verweist immer wieder auf die Gold zufuhren nach Frankreich, ohne daran zu denken, saß die ungeheuren Werte auch Frankreich nicht vor der Arbeitslosigkeit und neuen Kriegen bewahren würden. Wenn die Regierung die Arbeitsamkeit und die Geschicktheit als die hauptsächlichsten Charaktereigenschaften des französischen Volkes in den Vordergrund schiebe, so vergesse sie auf der anderen Seite, daß die Fehlbeträge der Außenhandelsbilanz von 3 Milliarden Franken im Jahre 1929 aus 15 Milliarden in 1931 gestiegen seien. Der Schutz, den man »er Landwirtschaft habe angedechen lassen, habe sich als unwesentlich erwiesen. Es stehe fest, daß, wenn, die Politik der Illusionen fortgesetzt werde, die Lage in Frankreich in ganz kurzer Zeit einen tragischen Charakter annetzmen werde.
Rücktritt Montague Normans?
London, 1. Oktober.
Die gestrige Ausgabe des „Evening Standard" verzeichnet Gerüchte, die gestern nachmittag verbrei-
Oberbürgermeister Or. Stadler-Kassel:
Selbstverwaltung bedeutet blbftverantwortung.
Dieser Grundgedanke des Freiherr» v. Stein ist in de» letzten Jahren leider in seiner Bedeutung sehr herabgesetzt worden. Ständige Eingriffe von Reichsund Staatsstellen in die verschiedensten Gebiete kommunaler Betätigung in Verbindung mit einem völlig unzulänglichen Finanzausgleich, der de» Gemeinden trotz Ueberbürdung mit neuen Aufgaben die eigenen Einnahme-Möglichkeiten weggenommen und sie zu Kostgängern des Reichs gemacht hat, haben wesentlich hierzu beigetragen. Nach Anläufen zu einer Besserung wird nunmehr durch die Notverordnungen die schon vorher zurückgesetzte Selbstverwaltung fast völlig ausgeschaltet. Wenn aber das Selbstverantwortungsgefühl aus kommunalem Gebiete nicht noch stärker gefährdet werden soll, muß die selbst in der Notzeit unerträgliche Maßnahme der weiteren Einschränkung der Selbstverwal- tuiiy sobald wröglichs«ufgehoben werden. Befreiung von übertriebenen Lasten, Schaffung eines gerechten Finanzausgleichs und Abgleite» von dem maßlos überspannten Dotationssystem ist die dringendste Forderung. Die Städte, deren Etats ja längst in Ordnung wären, wenn nicht ihnen allein die ungeheure Last der Mohlfahrtserwerbslosen-Unterstützung aufgebürdet wäre, werden alles tun, um ihren in Not geratenen Mitbürgern zu helfen ünd trotzdem der Pflicht
tet wurden und die wissen wollten, daß Montague Norman feinen Rücktritt als Gouverneur der Bank von England eingereicht habe. Es habe sogar geheißen, es sei wahrscheinlich, daß die Direktoren der Bank schon in naher Zukunft diese Demission erwägen würden. Eine offizielle Erklärung darüber, so erklärt „Evening Standard", sei jedoch nicht erhältlich gewesen.
Im übrigen sind schon seit längerer Zeit solche Gerüchte über einen Rücktritt des Gouverneurs der Bank von England in London verbreitet gewesen, ohne daß jedoch hierzu irgendwelche positiven Anhaltspunkte Vorgelegen hätten.
Völkeröundsrat nochmals
am 14. Oktober?
Genf, 1. Oktober.
Der Völkerbundsrat hat in der gestrigen Schlußsitzung seiner 65. Tagung zunächst die Entschließungen der Völkerbundsversammlungen Wer die Äbrü st ungs frage erledigt In Ausführung der Entschließung "über den Rüstungsstillstand beschloß der Völkerbundsrat, den zur Abrüstungskonferenz eingeladenen Regierungen diese Entschließungen mit dem Ersuchen zu übermitteln, sich bis zum 1. November 1931 darüber zu äußern, ob sie bereit sind, den vorgeschlageneu Rüstungsstillstand auf die Dauer eines Jahres anzunehmen.
Ferner legte der Präsident eine Entschließung über den chinesisch-japanischen Konflikt vor, in der die beiden Regierungen im Hinblick auf ihre vor dem Rat abgegebenen Zusicherungen zur baldigen Wiederherstellung der normalen Lage aufgefordert werden und ein Wiederzusammentritt des Völkerbundsrates vorläufig für de» 14. Oktober in Aussicht genommen wird. Formell ist atfo die gegenwärtige Session noch nicht geschlossen worden.
Russische Panzerwagen aus chinesischem Gebiet
London, 1. Oktober.
Der Mukdener Korrespondent des „Daily Telegraph" meldet, daß russische Kavalleriepatrouillen und Panzerwagen Manschuli. die Grenzstation auf chinesischem Gebiet, besetzt halten. Aus den Einspruch der Chinesen antwortete oer russische Konsul, daß die russischen Truppen nach den bolschewisten-feindlichen Weißrussen suchten, von denen sie Angriffe auf die russische Grenze besürchteten. Man glaubt jedoch, daß der Zweck dieser militärischen Maßnahme darin besteht, auf die Chinesen einen besonderen Druck aus- zuübe«.
äußerster Sparsamkeft genügen. Wiederherstellung der Selbstverwaltung und Besinnung auf die Selb st Verantwortung mutz die Parole sein.
Oberbürgermeister
Or. Zarres-Ouisburg-Hamborn:
Die Selbstverantwortung kann gar nicht genügend verstärkt werden.
Eine Einschränkung der städtischen Selbstverwaltung und Selbstverantwortung ist weder notwendig, noch wünschenswert. Die Selbstverwaltung ist in den letzten Zeiten durch die verschiedensten Reichs- und Staatsmaßnahmen, und mehr noch durch die wirtschaftliche Notlage so beengt worden, daß sie vielfach nur noch auf dem Papiere steht. Die Selbstverantwortung der Stadtleitung und Stadtverordnetenversammlung kann aber gar nicht genügend verstärkt werden.
Oberbürgermeister Or. Külz-Dresden:
Einschränkung de^ Mitbestimmungsrechtes führt zu einer Ausschaltung der Selbstverantwortung.
Im Interesse des Gemeinschaftslebens in Stadt, Staat und Reich halte ich eine möglichst baldige Rückkehr zu einer wirklichen Selbstverwaltung für unbedingt notwendig. Wie im Reich und in den Ländern, so hat in den Gemeinden die Enttvicklung der letzten Zeit zu einer starken Einschränkung de s M itb estimmu ng sr echtes der staatsbürgerlichen Vertretungskörperschaften geführt. Für Vorübergehende Notzeiten kann eine solche Ausschaltung zur unbedingten Notwendigkeit werden, auf die Dauer müßte sie zu einer Ausschaltung der Selb st Verantwortung führen. Eine gesunde Grundlage des öffentlichen Gemeinschaftslebens kann aber nur in der selbflverantwortlichen Teilnahme des Staatsbürgers an den Geschäften gefunden werden.
Wir befinden uns, nach meiner Auffassung, in den deutschen Gemeinden nicht in einer Krisis der Selbstverwaltung schlechthin, sondern in einer Krisis der Betätigungsmöglichkeit der Selbstverwaltung auf finanziellem und damit auch auf funktionellem Gebiet.
Oberbürgermeister
Or. Landmann-Frankfurt a. M.:
Die Kraft der Selbstverwalftmg liegt in ihrer Freiheit!
Es sind Kräfte an der Arbeit, die sich bemühen, aus dem gegenwärtigen Notstand der Gemeinden neue Waffen gegen die Selbstverwaltung der Gemeinden zu schmieden, die Gemeinden in neue Fesseln einzuschnüren, zugunsten einer Schematisierung oder Normalisierung ihrer Aufgaben, einer zentralistischen Regelung, eines weiteren Ausbaues des Dotationssystems. Welche Erfahrungen die Städte mit dem Dotationssystem machen, dafür haben war auch in Frankfurt ein klassisches Beispiel an der Regelung unserer Fürsorgesätze, zu deren Herabsetzung wir genötigt wurden, weil zweieinhalb Millionen, die wir als Reichs- und Landeshilfe empfangen, und für seren Empfang Vie Herabsetzung der Richtsätze eine unumstößliche Bedingung war, nicht entbehren konnten. Man findet es in manchen Kreisen als des Rätsels Lösung, mit diesem Dotationssystem weitere Fortschritte zu machen, weil man glaubt, daß dies das beste Mittel sei, um der Politisierung der Gemeindekörperschaften und unverantwortlichem Ausgabedrang entgegen zu wirken.
Man darf hoffen, daß die Vertretungen der großen Städte, aber auch der übrigen Gemeinden erkennen, welche Gefahren der Selbstverwaltung hieraus drohen. Die oeutschen Gemeinden sind durch die Selbstverwaltung groß geworden, ohne Selbftver- waltung der großen Städte hätte das deutsche Volk niemals so lange ausgehalten im Weltkriege von 1914 bis 1918, und ohne die Kräfte der Selbstverwal- htng wäre es niemals möglich gewesen, ohne tiepic Erschütterung den Zustand der Revolution, Jnslation und alle Not, die nachkam, zu bannen uns zu überwinden. Eines Tages wird man sich hoffentlich in den weitesten Kreisen davon überzeugen, daß die Kraft der Selbstverwaltung nicht in ihrer Einschnürung und Fesselung, sondern in ihrer Freiheit beruht, und man wird das, was
Tardieu wird Laval verireien
Eigener Drahtbericht.