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22. Jahrgang

Freitag, den 29. Januar 1932

Nummer 24*

Kasseler Abendzeitung

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KWsMeueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Schwere Straßenschlacht in Schanghai

Erbitterter chinesischerWidersiand gegen die japanischen Angriffe / Neuer Appell an den Völkerbund / Oie Rechtsparteien und die Kandidatur Hindenburg

Oie Ehinesenstadt in Klammen

Vor der Abrüstungskonferenz

Eigener Drahtbertcht.

Von Staatssekretär z. O. Frhr. v. Rheinbaben

Schanghai, 29. Januar.

Die Lage in Schanghai hat flch in den letzten vierundzwanzig Stunden außerordentlich ver­schärft. Obwohl der Bürgermeister von Schanghai gestern das Ultimatum, in dem die Bestrafung der Schuldigen an den antijapanischen Denionstrationen, Auflösung der antijapanischen Bereinigung und Ein­stellung des antijapanisck-en Boykotts gefordert wurde. Trotzdem hat der japanische Kommandant dem Kom­mandanten des internationalen Fremdengebiets mit­geteilt, daß die Japaner innerhalb 24 Stunden in Tschapei, den chinesischen Stadtteil Schanghais, ein­marschieren würden. Tatsächlich haben die Japaner Donnerstag nachmittag mitteleuropäischer Zeitrech­nung (in China ist es dann bereits Nacht) mit dieser Drohung ernst gemacht.

Freitag früh kurz nach 4 Uljr morgens (MEZ.) brach in der Ehinesenstadt Tschapei Feuer aus. Die Flamme« griffen schnell um sich. Bon den Dächern der internationale« Niederlassung aus konnte deutlich beobachtet werden, wie in der fünf Kilometer entfern­ten Chinesenstadt ein Hans nach dem anderen in Flammen aufging, während die Luft von dem Knat­tern der Gewehr- und Maschinengewehrschüsie und dem dumpfen Krachen der fallenden Bomben und dem Summen der Flugzeugmotoren erfüllt war. Auch die internationale Siedlung ist schwer betroffen wor­den, wo die in chinesischem Besitz befindliche N o r d - fhanghai - Eisenbahnstation in Flam­men steht. Die japanische« Verluste werden bisher auf 10 Tote und 60 Verwundete angegeben.

Ueber den Verlauf be*Kämpfe wird uns weiter folgendes berichtet: In der Nacht zum Freitag be­gann um 22,30 Uhr örtlicher Zeit das Bombardement der japanischen Kriegsschiffe auf die Wusung- Forts. Es wurden 40 Granaten abgefeuert, worauf die Forts das Feuer einstellten. Als Grund für das Bombardement wird von den Japanern angegeben, daß eines der japanischen Kanonenboote von chine­sischen Soldaten beschaffen worden fei.

Um 23,10 Uhr wurden japanische Seesoldaten ge­landet, die chinesische Soldaten und Polizeibeamte unter Feuer nahmen und durch die internationale Niederlassung im Stadtteil Tschapei in den chinesi­schen Stadtteil eindrangen. Bald darauf fielen die ersten Schüsse

Chinesische Scharfschützen feuerten von den Dächern und aus Hinterhalten auf die Japaner.

Maschinengewehre, die gut versteckt in den Häusern ausgestellt waren, eröffneten das Feuer auf die Ein­dringlinge. Obwohl die Japaner die Telephondrähte durchschnitten, waren die chinesischen Truppen.gut über die jeweilige Stellung der Japaner unterrichtet. Der Wider st and der Chinesen verstärkte sich zusehends. Am Freitag um 3 Uhr morgens ört­licher Zeit standen die Japaner mit den Chinesen überall in heftigem Kampfe. Erst als

japanische Flugzeuge über der Stadt Bomben abwarfen gelang es den Japanern, in den Stadtteil Tschapei einzudringen. Verirrte Kugeln fielen in die inter­nationale Riederlasiung. Bald darauf erhielte« die japanischen Truppen Verstärkung, die den Stadtteil Hongkiu besetzten. Japanische Automobile durchfuhren fcte internationale Niederlassung und warnten die Bevölkerung vor Flugzeugangriffen. Um diese Zeit eröffneten die Wusungforts zeitweise wiederum das Feuer auf die japanischen Kriegsschiffe, um die Lan­dung weiterer Truppen zu verhindern.

Die Geschütze der japanischen Kriegsschiffe brachten darauf die Forts vollständig zum Schweigen.

In der internationalen Niederlassung habe« die Ja­paner Lazarette eingerichtet. Krankenwagen fahren hin und her, dazwischen Lastkraftwagen mit chinesi­schen Gefangenen. Zahlreiche chinesische Nichtkämpfer fliehen in die internationale Niederlassung.

Die Chinesen erhalten angeblich neue Verstärkun­gen aus Futschau und Nanking. Die ursprüngliche Stärke der chinesischen Garnison wurde auf 10000 Mann geschätzt; fix soll aber auf 30 000 Mark ver­stärkt worden sein.

!lnö Washington?

London, 29. Januar.

Am Donnerstag abend wurde in Washington an höchster amtlicher Stelle erklärt, daß die Vereinigten Staaten sich schärsftens jede,« japanischen Versuch widersetzen würden, die internationale Niederlaffung in Schanghai zu besetzen. Gegen die Besetzung des chinesischen Viertels in Schanghai wurden von ame vikanischen Regierungskreisen ebenfalls scharfe Be­denken geäußert. Auch in London wird die Lage als sehr ernst bezeichnet, umsomehr, als ma« sich

völlig darüber im klaren sei, daß Washington eine Verletzung der chinesische« Hoheitsrcchtc durch Japan nicht dulden wird.

In englischen politischen Kreisen will man wissen, daß Washington den Abbruch der diplomati­schen Beziehungen zu Tokio für den Fall erwägt, daß eine Einigung in absehbarer Zeit nicht zustande kommt. Die aus Tokio vorliegenden Mel- dungen lassen auf ein Einlenken Japans vorläufig nicht schließen.

China appelliert an den Völkerbund

Genf, 29. Januar.

Der Vertreter Chinas int Völkerbnndsrat, Bot­schafter Dr. Ae n, hat heute vormittag den Antrag gestellt, daß der Völkerbttndsrat sich sofort aus Grund des Artikels 15 mit dem chinesisch-japanischen Konflikt befassen soll. Zur Begründung des Antrages wird von dem Botschafter Den erklärt, daß das bisherige Ver­fahren des Bölkerbundsrates aufgrund des Artikels 11 zu keinem Erfolg geführt habe.

*

China will jetzt gegen das japanische Vorgehen Wi­derstand leiste«. Die Reserve« der 19. kantonesische« Armee, die gegenwärtig im Gebiete von Nanking stehen, und die dritte Division der Rationalgo.rde sind mobil gemacht und verladen worden, uw nach Schang­hai abzugehen.

Am Au,chl«h an unsere in den letzte« Tage« »er» osse«tl,chie Artikelreitze, die eine» Ueberblick über das aciamtc Abruttuiiasvroblem gebe« wollte, erteile« wir heute «Staatssekretär z. D. Freiherr von Rhci«- babe« das Wort z« einer Würdig««« der volitijche« Möglickkette» «ud Aussichten der Abrüstuugskonsc- re»z. Diese A«s?ührn«aeu verdiene« besondere Be­achtung. weil Herr von Rbeinbabe» der deutsche« D.c l e g a t t o u für die Abrüstu»gsko«sere»z a n g c- h o r t.

Die schon zum Empfang gerüsteten Hotels in Ouchy und Lausanne bleiben bis auf weiteres leer, während die in Genf durch den Zuzug von über 5000 Delegierten, Sachverständigen, Begleitpersonal, von vielen Hunserten von Journalisten aus allen San» öern, von sonstigen Interessierten, von Gerechten uns Ungerechten, überfüllt sind. Jedenfalls für die ersten Tage und für die gegen den 10. Februar erwarteten Reden der leitende« Minister per großen Staate« wird der Scheinwerfer der Weltpresse mit größter Kerzenstärke auf Gens gerichtet sein. Zwei große ame­rikanische Radiogesellschaften werden im Wettbewerb untereinander täglich Berichte an die amerikanische OeffenÄichkeit und Äarüber hinaus in entfernte Win­kel 6er Welt versenden. Sonstige technische Erfin- idungen neuesten Datums werden sofort bedrucktes und beschriebenes Papier in ganzen Bündeln liefern mit einem Wort: Es kann los gehen! Aber unter welchen äußere« Begleitumständen ? Diese ff opferen: beyi mt nicht freudig oegrützt als Erfüllung eines großen Wunsches der Völker, die freiwillig für das

Noch keine Klarheit!

(Von unserer Berliner Schriftleitung).

th Berlin, 29. Januar.

Das Erscheinen des bayerischen Aufrnses für eine Neuwahl des Reichspräsidenten von Hindenburg und die Ankündigung des Berliner Oberbürgermeisters Dr. Sahm, daß er einen Ausschuß für die Kandida­tur Hindenburgs ins Leben rufen, und Anfang nächster Woche hierfür einen Aufruf veröffentlichen werde, haben das Problem der Präsidentenwahl wie­der in den Vordergrund der öffentlichen Erörterungen gerückt. Noch hat man von den Parteicn der Rech­ten keine Mitteilnng über ihre Einstellung zur Kandidatur Hindenburgs, aber allgemein wird in den maßgebenden Kreisen die Ansicht vertreten, daß es zweckmäßig sei, die Vorbereitungsarbeiten für die Wahl möglichst abzukürzen.

Gegenwärtig sind im übrigen Gerüchte im Gange, daß die Parteien der Rechten die Absicht haben, den früheren deutschen Kronprinzen als Kandidaten für die Reichspräsidentenwahl aufzustellen.

Bisher ist der 13. März als Tag des ersten Wahl­ganges in Aussicht genommen, während jedoch der Reichstag, welcher "bekanntlich erst am 23. Februar Zu­sammentritt, noch durch formellen Beschluß diesen Wahltag bestimmen muß. Es liegt an sich kein sachli­cher Gruvd vor, mit der Neuwahl bis zum 13. März zu warten, sondern man könnte die Wahl auf die zweite Hälfte des Februars vorverlegen. Dann müßte allerdings der Reichstag mindestens vierzehn Tage vor dem 23. Februar zusammentreten, um rechtzeitig den Wahltermin festsetzen zu können. Gestern abend hat eine Unterredung zwischen dem Reichskanzler und dem Reichspräsidenten L o e b e stattgesunden, in der neben anderen Angelegenheiten "uch diese Frage be­sprochen worden ist. Es hat sich dabei anscheinend zu­nächst um eine allgemeine Orientierung gehandelt, denn einen Beschluß über die Vorverlegung des Reichstages zu fassen, und dementsprechend in den nächsten Tagen den Aeltestenrat zu versammeln, würde erst dann einen praktischen Zweck haben» wenn die Kandidatur Hindenburgs vollkommen gesichert ist. Dar­über dürfte jedoch noch einige Zeit vergehen.

Es gilt jetzt als wahrscheinlich, daß die endgül­tige Klärung der Frage, ob Hindenburg mit großer Majorität und ohne ernsthaften Gegenkandidaten schon im ersten Wahlgang wiedergewählt werden kann, kaum vor Mitte der nächsten Woche entschieden sein wird, sodaß dann möglicherweise eine sehr kurzfristige telegraphische Einberufung des Reichstagsplenums erforderlich sein könnte. Dabei wird die Regierung sreilich Garantie da­für verlangen, daß der Reichstag sich bei einem sol­che« verfrühten Zusammentritt aus die Festsetzung des Wahltermines beschränken muß. Wenn sich eine Mehrheit der Parteien hinter die Kandidatur Hinden­burgs stellt, dan« dürfte die gleiche Mehrheit aller­dings auch entschlossen fein, das Parlament sofort

wieder auf den 23. Februar zu vertagen, weil bk ge­plante große politische Aussprache erst dann stattfin- den soll, wenn der Reichskanzler aus Genf zurückge­kehrt ist.

Die Reise des Kanzlers nach Genf ist nu« für den 8. Februar vorgesehen,

würde aber, wenn der Reichstag am 8. oder 9. Fe­bruar flch auf zwei oder drei Tage versammelt, um diese kurze Zeitspanne verschoben werden, falls der Reichstag nicht auch in Abwesenheit des Kanzlers zu­sammentreten will. Es ist damit zu rechnen, daß auch die Abrüstungskonferenz in Genf, falls Dr. Brüning einige Tage später kommt, mit dem Beginn der gro­ßen politischen Debatte solange wartet, bis der Reichs­kanzler eingetrofsen ist. Eine derartige Rücksichtnahme ist auch in früheren Fällen, wenn es sich um inner- politische Vorgänge in anderen Staaten handelte, in Gens oftmals geübt worden. Nach der großen Genfer Debatte und einer vermutlich sehr kurzen Vorbespre­chung der europäischen Ministerpräsidenten über die Reparationsfrage würde der Kanzler dann sofort nach Berlin zurückkehren, um an den Verhandlungen des Reichstages vom 23. Februar ab teilzunehmen.

Nosenberg gegen

Hindenburg-Ausschuß

München, 29. Januar.

DieNcnionalsozialist ische Parteikorrespondenz" veröffentlicht unter der Ueberschvift: «Strohmän­ner des Zentrums" einen Artikel Rosenbergs, der sich in äußerst scharfer Form dagegen wendet, daß Männer, die int politischen Leben Deutschlands gar nichts bedeuteten, sich nun zusammengetan hät­ten, um eine sogenannte Volkswahl Hindenburgs zustande zu bringen. Die nationalsozialistische Volksbewcguna werde sich nicht bluffen las- s e u. Die Präsidentenwahl fei eine der wichtigsten politischen Lebensfragen, und es sei deshalb absurd gerade sie angeblich durch einunpolitisches" Gre­mium entscheiden zu wollen, hinter dem sich doch nur der schwarze und der rote Marxismus verborgen hielten. Der Nationalsozialismus Werve sich die Entscheidung nicht aus den Händen winden lassen. Im Bewußtsein, heute allein leaitim das Deutsch­land der Zukunft zu vertreten, werde er sich nicht scheuen, zu gegebener Zeit offen vor allem Volk seine Entschlüsse bekannt zu geben. Deutschland höre heute auf Adolf Hitler

München, 29. Januar. Wie verlautet, werden die Nationalsozialisten hier im Februar eine Bespre­chung aller Unterführer abhalten, zu der Adolf Hit­ler eingeladen hat, um sich über die Frage einer nationalsozialistischen Sonderkandidatur für die Reichspräsidentenfchaft mit seinen Anhängern zu be­sprechen.

große Ideal des Weltfriedens Opfer bringen wollen. Im Gegenteil: Mit Hangen und Würgen nach über fünfjähriger schleppender Vorarbeit und weil schließ­lich der Unterschied zwischen großen Versprechungen und ausgebliebenen Taten allzu groß wurde, mußte schließlich gegen den Widerstand maßgebendster Stel­lenetwas geschehen". Was aber geschehen soll, ist trotz des Konventivnseutwurfs vom 9. Dezember 1930 noch in Dunkel gehüllt und die Grundlagen für die praktischen Verhandlungen der Konferenz sind noch ungeklärt. Die seinerzeit durch den Grasen Bernstorsf ausgesprochene Ablehnung des Konventionsentwurfs durch Deutschland hat sich hei uns zu einer allgemei­nen Volksbewegung ausgeweitet und über alle sonsti­gen Differenzen hinweg ertönt aus Deutschland die Grund- und unverrückbare Mindestforderung nach gleichem Recht und gleicher nationaler Sicherheit kräftig nach Außen über den Erdball. Cs kann ferner einem Zweifel kaum unterliegen, daß auch abgesehen vou Deutschland, Oesterreich, Ungarn und Bulgarien einige weitere Staaten wie z. B. Italien heute eine andere grundsätzliche Einstel­lung zum Abrüstungsproblem gewonnen haben, als sie diese während der Vorvechandlungen dokumentiert haben.

Diesmal mich and wird der Versuch der ftanzöfl- scheu Politik fehlschlagen, durch die beabsichtigte poli. tische Initiative die Führung ebenso an sich zu reißen, wie dies leider in der vorbereitende« Abrüstungs- fommiffton im wesentlichen bet Fall gewesen ist. Es darf Frankreich nicht gelingen, den von ihm selbst gebilligte« Beschluß der Völkerhundsversammlung von 1928 in Eens und auf bet Konferenz ebenso abzuleug­nen, wie in feiner Propaganda bet letzten Monate. Damals mußte auch Frankreich zugeben, daß ohne einen einzigen neuen Sicherheits- ober Garantiepakt schon bei Stand bes Völkerrechts von 1928 jenen ersten praktischen Schritt in bet Herab­setzung ber Rüstungen ermögliche, de« es jetzt burch unmögliche Ausweitung bes Sicherheitsproblems wieberum von völkerrechtlichen Voraussetzungen ab­hängig machen will. Erst recht wirb es getabe auf Erunb ber paraphierten, ober in Aussicht stehenden Nichtangriffspakte zwischen Rußland und sei­nen europäischen Nachbarstaaten diesen unmöglich sein, sich ber Verpflichtung zur Herabsetzung bei Rü­stungen zu entziehen. Auf jeben Fall steht zu erwar­ten, baß gegen bie bekannten französischen Thesen nach Verstärkung ber Macht bes Völkerbundes, nach Inter­nationalisierung der Land- und Luststreitkräfte unb nach neue« gegenseitigen llnterstützungsverträgen ge­genüber einemAngreifer" (gemeint ist immer Deutschlanb!) auch unter den Völkerbundsstaaten selbst eine ganze Reihe von Delegationen ausstehen wird, die ohne flch der weiteren Mitarbeit am Ausbau des Völkerrechts zu entziehen, von der Konferenz auch ohne einen einzigen neuen völkerrechtlichen Akt praktische Ergebnisse fordern werden.

Trotz triefet klarem einwandfreiem Rechtslage kennt die Wellt aus mancher Epoche der Siachkriegspolitik die Stärke, die Zähigkeir und Systematik dessranzö fische« Widerstandes und selbst- verständlich gibt es unter den 64 Delegationen eine ganze Anzahl, die aus miachtpMttsche« oder pevsön- lichon Interessen heraus durch Dick und Dünn mit Frankreich gehen werden. Würde dies bis zu Ende Vor Fall sein und Frankreich feine Eingangsthese nicht ändern, dann wäre jeder Erfolg der Abrüstungs­konferenz von vornherein ausgeschlossen, denn diese These geht in ihrer unmöglichen Ueberspannung des Sicherheilsproblems im letzten Ziele Daraus aus, den machiipofttrschen Zustand von 1919 zu verewigen und die feierliche Verpflichtung Mt Herabsetzung der Rüstungen nicht auSzusühren.

Do wird die Stimmung wohl auch im Genfer Milieu selbst am Morgen, des 2. Februar, nicht ge­rade sehr optimistisch sein. Und ilt einer gewissen tragischen, jedenfalls aber ernsten Symbolik tragen zwei lokale Genfer Ereignisse dazu bei, dem Pösflmimus weiteren Auftrieb zu geben. Das eine ist das R'ück.rittsgesuch des Generalsekretärs Sir Eric Drummond. Wer Genf einigermaßen kennt, weiß, daß damit ein geradezu uferloser Streit um die Nachfolge eingeleitet worden ist und daß in po­litischer Beziehung sogar die Grundfrage des Völker­bundes selbst hierdurch aufgeworfen wird. Das kommt daher, daß die Ausbalancierung des persön­lichen Einflusses der Großmäch.e im Völkerbund bis­her immer nur unter größten Schwierigkeiten mög­lich gewesen ist und daß eine Aenderung in diesem labilen System 'notwendigerweise große Konsequen­zen nach sich ziehen muß. Die andere Symbolik sehe ich in der Einstellung des Neubaus des ^ölkerbunds- gebäudes, dessen Grundstein im September 192g mit so großer Feierlichkeit und so pomvösen Reden ge­legt wurde. Also Fiasco zunächst in Steinen,