Wer seine Heimat liebt, muß sie auch verstehen; wer sie aber verstehen will, muß überall in ihre Geschichte zu bringen suchen. Jakob Grimm.
Laßt mir nur üer Heimat Glück.
Geibel.
5. Jahrgang Schlüchtern * März 1913 Nummer 2
was mich bekümmert, ist, öaß der Arbeit nicht üer Platz gegönnt wirü, üer ihr gehört, öaß die, die sich mit saurer Müh' ihren Lebensunterhalt erwerben, von vielen geringer geachtet flnü als die Drohnen, die genießen, ohne zu arbeiten, öaß man täglich die Naüelstiche wegen der „Stellung" fühlen muß, wührenü man frei und aufrecht einherschreiten sollte unter der unscheinbaren Krone treuer Arbeit, der allein ein ewiger Lohn verheißen ist. M. Trommershaufen.
Getreue Nachbarn
rechnet Dr. Martin Luther in seiner Erklärung der vierten Bitte des Vaterunsers 311m täglichen Brot, wenn's munden soll. Und er hat recht; denn in treuer Nachbarschaft steckt ein Segen. Wie schön ift's, wenn zwei alte Leute in weißen Haaren, die Nachbarn gewesen sind von Kindesbeinen an, inmitten des lauschenden Jungvolkes sich erinnern an das, was sie auf ihrem Wege durchs Leben erfahren haben! Schon ben Schulweg haben sie Schulter an Schulter beschritten. Vier bis fünf Generationen, voraufeilende und kommende, sahen sie sich die Hände über den Gartenzaun reichen. Alles Planen und Erleben hat man redlich geteilt; die lange Reihe trüber unb heller Tage hat man gemeinsam durchwandert, dieselben Feldwege begangen, den gleichen Kirchpfad benutzt. Seinen führte der Lebensweg für längere Seit in die Ferne. Hochzeiten und Kindtaufen feierte man in Eintracht, am Krankenbett des Nachbarn hielt der Nachbar „Wacht", und auch die Toten half man einander umbetten. Sft’s doch bei uns bekanntlich ein unveräußerliches Recht und ein hehr' Gebot uralter Sitte, daß die nächsten Nachbarn neben dem Sarge gehen, wenn eins lebens- oder leidmüde zu den Stillsten im Lande übersiedelt. Auf unseren Dörfern sparen sie, weil das Bereiten des letzten Kämmerleins Nachbarnpflicht ist, sogar den Totengräber. Aber auch „Stechbrate" und „Fülldaffet" sammeln die Nachbarsleute um einen Tisch. Ich hab's erlebt, daß ein Bauer des kranken
Nachbars Heu vor feinem eigenen holte, obwohl ein schweres Wetter drohte. „Hut ab!" sage ich. Wer das fertig bringt, der ist ein Nachbar rechter Art, an dessen Herz und Willen hat der Meister droben schon ein gut’ Stück reparieren können. Es bleibt dabei: Treue Nachbarschaft ist ein Gut, das man hegen und halten soll.
In der großen Stadt ist das vielfach ganz anders, aber nicht besser. Da wohnen in einem Hause mehrere Familien, die fremd an einander vorübergehen und auch nach einem Vierteljahr und noch längerer Seit wenig mehr von einander wissen als den Namen, obwohl sie sich gegenseitig unter Umständen husten und schnarchen hören. Dabei hat ein Vierteljahr 13 Wochen = 91 Tage = 2184 Stunden! In drei Tagen weiß bei uns das ganze Dorf nicht allein die ganze Naturgeschichte eines „Zugezogenen", sondern auch die seiner Vorfahren bis halbwegs Adam und Eva. Bei uns versteht man unter Nachbarschaft einVerbundensein durch offene Türen und gemeinsame Pfade; in der Großstadt denkt man bei dem Wort wahrscheinlich zuerst an ein Geschieden- sein durch Mauern und Wände, an verschlossene Türen mit Sperrketten und Stacheldraht, „ungenießbare" Zustände für Leute, die gern teilnehmen an der Weggenossen Leid und Freud', weil's Herz will. Es ist ein Irrtum, zu meinen, es wäre „genierlich", wenn „eine" wüßte, was die „andere" kocht. Was würde das z. B. schaden, wenn die Frau Rat im Vorderhause erführe, was die