Mitteilungen des Heimatbundes, Uerein für Heimatkunde n. Heimatpflege im Kreise Schlüchtern.
Nr. 8.
Schlüchtern
Oktober 1909.
Die Volksmassen bestehen nicht aus Intelligenzen, sondern aus Herzen, die da fühlen und leiden, und aus Gewissen, die befehlen und fordern.
(Frank Thomas).
Eins der kostbarsten Erbstücke, das Eltern den Kindern hinterlassen können, ist die Erinnerung an ein reines, friedliches Eheleben.
(Otto von Leixner).
Schlüchtern zur Zeit der französischen Fremdherrschaft.
(1806 -1813.)
Von Pfarrer E. Freund in Ramholz.
Die Geschichte Schlüchterns ist, abgesehen von der Geschichte des Klosters, noch ein wenig bebautes Feld. WaS ich aus der Zeit vor 100 Jahren berichten kann, ist nur ein schwacher Versuch, einzelnes, was mir bekannt geworden ist, zu einem Geschichtsbilde zu vereinigen. Zu einer erschöpfenden Darstellung fehlte es mir zu sehr an urkundlichem Material. Städtische Akten sind aus jener Zeit nicht mehr vorhanden bis auf einige nichtssagende Quartierbillets und Fourage- bons. Die im Staatsarchiv zu Marburg lagernden Hanauer Präfekturakten, die wertvolles Material für die Geschichte unseres Städtchens enthalten mögen, habe ich nicht einsehen können. Meine Ausführungen fußen hauptsächlich auf alten Familienpapieren: auf Aufzeichnungen meines Urgroßvaters Johannes Lotich, der vor 100 Jahren Bürgermeister von Schlüchtern war, und auf Aufzeichnungen des 1872 zu Herolz verstorbenen : )r. Philipp Lotich, der manches, was er
in seiner Jugend erlebt und was Schlüchteraner aus der Franzosenzeit sich erzählten, zu Papier gebracht und so der Nachwelt erhalten hat.
Um das, was vor 100 Jahren auf unserem Hei- matboden sich abgespielt hat, verständlich zu machen, wird es nötig sein, daß ich die großen geschichtlichen Ereignisse jener Zeit berühre. Damit will ich rechtfertigen, wenn meine Ausführungen hier und da über den engen Rahmen einer Geschichte Schlüchterns hinausgehen Für den weiteren Rahmen, für die allgemeine Zeitgeschichte, habe ich in dem Buche Paul Darmstädter's: „Das Großherzogtum Frankfurt" mancherlei Aufklärung gefunden.
Ich fange mit dem Jahre 1806 an. Ich hätte auch noch einige Jahre weiter zurückgehen können, denn nicht erst in diesem Jahre hat Schlüchtern die Schrecken des Kriegs kennen gelernt. 1792 passierte das preußische Heer, als es nach der Champagne zog, unsere Stadt; 1796 französische Truppen unter Moreau und Jourdan. Als Jourdan nach seinen Niederlagen bei Amberg und Würzburg durch den Erzherzog Karl seinen Rückzug durch den Spessart nach dem Rhein antrat, wurde von den flüchtenden Franzosen in unserer Gegend arg gehaust. Was Schlüchtern 1796 unter