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Wer seine Heimat liebt, muß sie auch verstehen; wer sie aber verstehen will, muß überall in ihre Geschichte z» dringen -----------suchen,------------ Jakob Grimm

Erscheint ------------ in ------------ 8 K zwangloser Folge, 8 8

Mitteilungen des Heimatbundes, herein für Heimatkunde u. Heimatpflege im Kreise Schlüchtern.

Nr. 5.

Schlüchtern

Kaisersgeburtstag 1909.

Was will unser Hciimitbniid?

Vertrag des Herrn Seminardirektors Dr. ® rau in der ersten Versammlung des Heimatbundes am 3. Januar 1909.

Wer zu einer größeren Versammlung spricht, hat manchmal eine schwere Aufgabe. Es kann sein, daß der Gegenstand, um den eS sich handelt, weit von dem allgemeinen Interesse abliegt oder daß er nur den einen oder den anderen Berufskreis angeht oder daß er nur eine Sache des Verstandes und nicht des Gemütes ist. Da mag es sein, daß den Redner vorher allerhand Fragen quälen: Wird sich zwischen meinen Hörern und mir auch eine innere Verbindung einstellen? Werde ich, indem ich von Dingen rede, die dem Alter lieb und wert sind, die Jugend kalt lassen? Wird bloß der eine oder der andere Stand seine Rechnung finden? Und werde ich nicht bloß dem Verständnis nahe fommen sondern auch die Herzen berühren?

Meine Aufgabe ist leicht und dankbar. Es gibt, Dinge, die stehen vor uns groß, heilig, teuer und wert für jeden, dem ein fühlendes Herz in der Brust schlägt, ergreifend für den Fürsten wie für den Knecht, ver­ständlich dem Weisen wie dem Kinde. Wenn an einem linden Sommerabend von der Landstraße her die Klänge des LiedesEs zogen drei Burschen wohl über den -Rhein" uns entgegengetragen werden, dann lauscht freudig jedes Ohr. Wenn in Dresden die Besucher der - Gemäldegalerie vor Rafaels Meisterwerk, die Sixtinische Madonna, treten, dann werden sie alle, reich oder arm, zur Andacht gestimmt. Wenn das Vaterland ruft, dann kommen alle. Wenn von Mutter­liebe und Vatersorgen gesprochen wird, so öffnet sich willig jedes Herz.

Heute tritt unsichtbar und doch unserem geistigen Auge gegenwärtig eine Gestalt in unsere Mitte, gleich einer ernsten, hehren Frau. Wir kennen und lieben

sie alle. Es ist unsere Heimat. Wenn dieses Wort ertönt, dann drängt sich Bild an Bild in unsre Seele: Da der Platz, auf dem wir die ersten Spiele der Kindheit spielten; die Wiese, der Wald, die wir munteren Sinnes durchschmeiften; da die Kirche, in der wir den Bund für das Leben schloffen; . dort das Haus mit den stillen Freuden der Familie; dort der Gottesacker, auf dem unsere Lieben schlummern. Alles belebt sich, wenn wir daran denken; nichts ist zu Kein oder unwichtig; alles redet zu uns von Stunden aus­gelassener Freude, ernster Arbeit und auch herben Schmerzes. Wohl dem, der eine Heimat hat und sich darinnen freut! Wer in der Fremde weilen muß, der wünscht mit dem Dichter:

O du Heimatflur, o du Heimatflur,

Laß zu beinern Heilgen Raum

Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur Entfliehn im Traum!"

Zu den Aermsten der Armen gehören die Heimatlosen auf der Landstraße; sie sind wie welkende Blätter, die- der Wind hin und herweht.

Wir haben eine Heimat. Es ist unser teures Hessenland, und für viele unter uns ist es unser lieber Kreis Schlüchtern Er trägt nicht die gewaltigen Wunder des Hochgebirges, er hat nicht die schweigende Sckönheit der Heide, nicht die Majestät des endlosen Meeres. Aber was Anmut, Lieblichkeit und Mannig- faltigkeit anbelangt, kann er sich kühnlich mit jeder anderen Landschaft Deutschlands messen. Gehe einmal m Frühling auf den Drasenberg! Milde weht die -'mft, die ersten Lerchen steigen, die Wasser rieseln und -stießen. Reben das Dunkel der Tannen drängt sich das erste Grün der Buchen. Dann schaue gen Süd­west in unser Tal hinab. Lieblich schlängest sich wie ein Silberband die Kinzig dahin. Von freundlichen Höhen umrahmt, scharen sich um die ehrwürdigen Kloster­türme die Häuser Schlüchterns. Weiter zurück siehst