Sonne und Leben
gV> or 132 Jahren hat ein heute vergessener, damals Berühmter gesagt: „Die Sonne ist ein Blick der Liebe,' Gott schaut mit diesem Blick uns an." Und die Bibel berichtet uns eines Menschen Aus= spruch, der vor mehr als 2500 Jahren getan wurde. Er lautet: „Gott der Herr ist Sonne." In beiden Worten ist eine Verbindung zwischen dem Schöpfer des Alls und dem strahlenden Gestirn, das unsere (tage ebenso bestimmt wie die der unbekannten Uralten vor Tausenden von Jahren, hergestellt. Vielleicht bereitet es auch dir eine stille Freude, darüber nachzusinnen, warum man das wohl getan.
Gar mancher Menschen Sehnsucht nach dem Lenz ist in der Nähe von Winterende so groß, daß er eine leuchtende Blumenwiese vor sich sieht und frisch umbrochene Bckerschollen atmen hört, wenn er die Bugen schließt. Scheint die Sonne, so sieht die Welt ganz anders aus, als wenn der Himmel die dunklen Vorhänge vorgezogen hat und alle Dinge, gleichsam im Schatten stehend, auf ihre Strahlen zu warten scheinen. Wir selbst kommen uns wie verwandelt vor. Wir sind froher, hoffender, mutiger; es ist alles Schwere leichter zu tragen. Und doch ist sie selbst unendlich weit von uns entfernt und uns trotz aller Aussagen über sie im Grunde eine gewaltige Unbekannte. Es führt kein Weg von uns zu ihr, auf dem wir ihr Wesen voll zu ergründen vermöchten- wohl aber findet ihr Leuchten sich, von ihr zu uns her. Buch wenn sie nicht zu sehen ist, zweifelt niemand an ihrem Dasein, weil jeder weiß, daß er auch den kärglichen, blassen Tagesschimmer nach einer Winternacht ihr zu danken hat. Wir wissen auch, daß ihre Strahlen uns wieder und wieder treffen
und erquicken werden, obwohl sie auch zu töten vermögen. Krankheitskeime vernichten sie, und wir ahnen kaum, wieviel Unheil sie von uns fernhalten mögen. Aus unvorstellbarer Entfernung regelt die Sonne Jahr und Tag auf der kleinen Erde, und auf ihr Kommen wartet im Grunde alles, was auf ihr atmet. Ihr Glanz vergoldet die Häupter der Bergriesen und verklärt das bißchen Armut in Dachkammern, zeigt aber auch jedes Stäublein und verrät im Gesicht des Feindes die Gedanken, die sein Herz bewegen. Er weckt die gewaltige Welt des Lebendigen in den Urwäldern und Riesenstädten, aber auch das vöglein im Best unter unserem Dachgesims und die Keimkraft im kleinsten Samenkorn. Bis in die letzten Winkel wirken die helfenden Strahlen, heilend und Leben fördernd, wird ihnen der Weg nicht versperrt. Sie heben eine ganze Welt aus der Erstarrung des Eistodes und streicheln die Stirnen der Kranken nach durchwachter, gar zu langer Nacht: Fieber läßt nach, Trquickung kommt, wenn sie naht. Alles Gesunde auf dem Erdball aber stimmt nach ihrem Erscheinen in das hehre Thorlied der Arbeit ein, möchte, muß tätig sein. Denn Denken, Fühlen und Wollen will, durch sie gerufen und durch vorübergehen- des Nichtsein gestärkt, es der Sonne gleichtun: wirken. Weg und Steg sind nun wieder gefahrlos, wenn sie da ist- Pfade tun sich auf in ihrem Lichte. Man kann sich ihr entziehen,- aber kein Leben entfaltet sich recht ohne sie. Kein Mensch kommt auf den Gedanken, sie müsse uns zu Willen sein, obschon sie jedem dient, hätten wir nur halb so viel Bbstands- und Bbhän- gigkeitsgefühl zu dem, der sie geschaffen, wie zu ihr, so wäre uns wohler und in vielem geholfen. Flg.